Dr. Thomas Glöß stellte die Editionen des Leipziger-Bibliophilen-Abends vor

Die Editionen des Leipziger Bibliophilen-Abends (LBA) genießen unter Sammlern einen ausgezeichneten Ruf. Warum das so ist, zeigte LBA-Vorsitzender Dr. Thomas Glöß sehr anschaulich am 27. März im Literaturhaus Magdeburg. Und das im doppelten Sinne. Zum einen war er als gelernter Buchdrucker (noch so richtig im Bleisatz), erfahrener Buchgestalter und als Hochschullehrer u.a. für Typografie, Grafik, Druck- und Designgeschichte mit dem nötigen Fachwissen vertraut, um das Bibliophile an Druckerzeugnissen anschaulich erklären zu können. Zum anderen hatte er ausgewählte Exemplare der LBA-Editonen mitgebracht und so den knapp 20 Gästen des Abends die persönliche Anschauung der Bücher ermöglicht, wovon diese auch ausgiebig Gebrauch machten.

Dr. Thomas Glossar mit der Publikation » … mitten in Leipzig, umgeben von eignen Kunstschätzen und Sammlungen andrer … «

Doch bevor die Bücher in die Hand genommen werden konnten, gab Thomas Glöß als Start in den Abend einen kurzen Überblick über die Geschichte des LBA. Anschließend stellte er die Editionen anhand einiger ausgewählter Beispiele vor. Großer Wert werde bei allen Ausgaben auf die Gleichrangigkeit von Text, Grafik und Gestaltung gelegt, so Glöß. Am Anfang seines Exkurses stand »Rote Wut und schwarze Galle« – eine Anthologie mit Texten zur Zeit von Ulrich von Hutten bis Volker Braun, mit Holzstichen von Karl-Georg Hirsch. Dabei handelt es sich um den ersten Druck der Reihe »Leipziger Drucke«, einer von fünf Reihen. Weiter ging es bei den »Leipziger Drucken« mit den »Flüchtlingsgesprächen« von Bertolt Brecht, mit zwölf Holzschnitten von Hans Ticha gestaltet, über das »Schöpfungsalphabet« aus dem Buch Sohar mit 22 originalgraphischen Buchstabenbildern von Josua Reichert zu Johannes von Saaz` »Der Ackermann und der Tod« mit sieben Steindrucken von Rolf Münzner. Immer wieder flocht Thomas Glöß sein Wissen aus dem Entstehungsprozess einiger der vorgestellten Bücher mit ein und gestaltete so den Abend für die Gäste zu einem besonderen Erlebnis. So bekamen diese beispielsweise einen Eindruck über die von Rolf Münzner bevorzugte Technik der Schablithografie und seiner speziellen Herangehensweise. Dabei färbt der Künstler den Lithostein erst schwarz ein. Anschließend wird das Bild aus dieser Schicht »herauskratzt«. 40 bis 50 Zeichnungen habe Münzner angefertigt, damit am Ende sieben Lithos für »Der Ackermann und der Tod« gedruckt werden konnten. »Ein tolles Buch«, so Glöß, und eines von mehreren vom LBA editierten Büchern, die als »schönstes Buch« von der Stiftung Buchkunst erkoren wurden. Zu diesen gehört auch das Buch »Blaubart« mit sechs Original-Farbholzschnitten von Klaus Süß, die dieser in der Technik der verlorenen Form geschaffen hat. Heute ein höchstens noch antiquarisch erhältliches Buch, das ihm währen der Herstellung manch schlaflose Nacht bereitet habe, erinnert sich Glöß. Eine Zahl mag stellvertretend für den hohen Aufwand stehen, der erforderlich ist, um das gewünschte bibliophile Ergebnis zu erreichen. 3.500 Druckgänge seien nötig gewesen, so Glöß, um die Holzschnitte von Klaus Süß in die 180 Exemplare des »Blaubart« zu bringen.

Ein Exemplar des "Blaubart, herausgegeben vom LBA 2009 | © R. Wege 

Zum Abschluss kam Thomas Glöß auf die aktuelle Reihe des LBA zu sprechen, die den Titel »Paradisische Dialoge« trägt. Wenige Tage zuvor, auf der Leipziger Buchmesse, hatte der LBA den vierten Druck dieser Publikationsreihe mit dem Titel »Farn« vorgestellt. Zuvor sind erschienen: Hans-Eckardt Wenzel »An eines Sommers frühem Ende«, Anja Kampmann: »Fischdiebe«, Lutz Friedel: »mensch! KLINGER«. 

Und auch diese Publikationsreihe zeigte anschaulich die Flexiblität des LBA, wenn es um Bibliophilie geht. Der erste Druck »An eines Sommers frühem Ende«, Gedichte von Hans-Eckardt Wenzel, wurde nicht nur mit neun Lithografien von Johannes Heisig ausgestattet, sondern der Ausgabe auch noch die CD »Wenzel: ACHT LIEDER« beigegeben. Wobei die CD exklusiv für den Leipziger-Bibliophilen-Abend gepresst wurde. Glöß: So ist also nicht nur etwas Bibliophiles, sondern auch etwas Audiophiles entstanden.«

Zweiter Druck der Reihe „PARADIESISCHE DIALOGE“ – Fischdiebe | © R. Wege

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege bedankte sich bei Dr. Thomas Glöß mit einer Ausgabe des "Ghotan". | © R. Wege

Nach dem Vortrag nutzten die Gäste die Gelegenheit, in den Editionen zu blättern. | © R. Wege

Gert. H. Wollheim: "Ich hatt einen Kameraden"

Es wurde ein spannender Abend, zu dem die Magdeburger Pirckheimer Jutta Osterhof in das Literaturhaus Magdeburg eingeladen hatten. Spannend, weil die Hauptperson des Abends, Gert Heinrich Wollheim, eine spannende Biografie vorweisen kann. Der 1894 in Loschwitz bei Dresden geborene Maler Gert Heinrich Wollheim konnte auf ein bewegtes Leben zurückblicken, als er 1974 in New York starb. Zwei Verwundungen im Ersten Weltkrieg, 1919 das Leben in der Künstlerkommune mit Otto Pankok, die Begegnungen mit Max Ernst, Otto Dix und Johanna Ey im "jungen Rheinland", die Zeit als "entarteter Künstler", das Exil in Paris und der Schweiz und 1947 die Ausreise in die USA sind nur einige, aber markante Stationen, seines Lebens.

Verspricht das alleine schon eine interessante und abwechslungsreiche künstlerische und politische Zeitreise in das 20. Jahrhundert, so ließen die Schilderungen von Jutta Osterhof diese Reise zu einer engen Begegnung mit dem Künstler im Kontext des jeweiligen Zeitgeschehens werden. Das ist dem Umstand zu verdanken, dass der Schwiegervater von Jutta Osterhof einen engen persönlichen Kontakt zu Gert Heinrich Wollheim pflegte, der sich auch auf die nachfolgende Generation übertrug. So bestand bis zu seinem Tod zwischen dem Künstler und der Familie Osterhof eine enge persönliche Verbindung. Entsprechend kamen die Gäste im Literaturhaus in den Genuss zahlreicher Anekdoten um den Maler und den Menschen Gert Heinrich Wollheim, die so in keiner Biographie, in keinem Ausstellungskatalog oder Internet-Eintrag zu finden sind. Heute verwaltet Jutta Osterhof einen großen Teil des Nachlasses von Gert Heinrich Wollheim. Sie engagiert sich, dass künstlerische Erbe Wollheims mit Ausstellungen und Vorträgen in Deutschland lebendig zu halten.

Rückseite des Gemäldes "Ich hatt`einen Kameraden …"

Um es nicht nur bei der Theorie zu belassen, hatte Jutta Osterhof einige Arbeiten Wollheims mitgebracht, die einen Einblick in das Schaffen des Malers gaben. Darunter Skizzenbücher, Gemälde und Zeichnungen. Für viele Gäste des Abends war ein Anziehungspunkt das beeindruckende, beklemmende und heute wieder aktuelle Bild "Ich hatt`einen Kameraden …" (33x52,5 cm. Öl auf Holz. 1963), in dem Wollheim seine traumatischen Kriegserlebnisse thematisiert. Rückseitig auf dem Bild, nicht untypisch für Wollheim, ein Gedicht. Mehrere ausgelegte Kataloge zu Wollheim-Ausstellungen ermöglichten den Gästen, den Blick etwas tiefer in das Werk des Künstlers zu lenken und Anregungen für eine weitere Begegnung mit Gert Heinrich Wollheim von diesem Abend mitzunehmen.

Skizzenblock von Gert H. Wollheim | © R. Wege Selbstporträt

Jutta Osterhof im Literaturhaus Magdeburg | © R. Wege