Dr. Wolfram Benda und seine Bear Press

„Ich habe als Junge in meiner Stadt die halbe Jugendbücherei ausgelesen, Lesen war immer meine große Leidenschaft. Die andere Leidenschaft war die bildende Kunst, und zwar Malerei und Grafik“, blickt Dr. Wolfram Benda auf Wurzeln zurück, aus denen im Laufe von vier Jahrzehnten unter seiner Ägide wunderbare Pressendrucke erwachsen sind. Sie alle sind in seiner Bear Press (Bayreuth) erschienen, die er den Magdeburger Pirckheimern im Anschluss an die Mitgliederversammlung am 24. Oktober in der Galerie Grimm vorstellte.

Mann sitzt auf einem Stuhl

Georg Trakt und Alfred Kubin als "Initialzündung"

Am Anfang habe die Entdeckung eines Buches mit Prosatexten von Georg Trakl gestanden, illustriert von Alfred Kubin. Benda: „Das war für mich die Initialzündung.“ Bereits als Schüler sammelte er Bücher und durchstreifte auf der Suche nach ihnen viele Antiquariate. Dabei habe er schnell erfahren, wie qualitativ unterschiedlich Bücher gemacht werden können, vom liebevoll gestalteten schönen Buch bis zu lieblos industriell hergestellten Exemplaren, so Benda. Mit Anfang 20 sei er auf sogenannte bibliophile Editionen gestoßen, die von Hand gefertigt sind. Damit war für ihn die Idee geboren, Texte der Weltliteratur mit eigens für sie geschaffener Originalgrafik zu verbinden. Am Beginn stand ein Text von Jean Paul, den sowohl der Literaturwissenschaftler Wolfram Benda, als auch der Zeichner Caspar Walter Rauh als ihren Lieblingstext betrachteten: „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“. Diese Gemeinsamkeit führte fast zwangsläufig zur Wahl dieses Textes für den ersten Pressendruck der Bear Press. Wolfram Benda hat ihn nach der Originalausgabe ediert und ein Nachwort geschrieben. Caspar Walter Rauh schuf dazu vier Kaltnadelradierungen. Die Auflage betrug 50 Exemplare. Das war 1979. Von da ab sollte jedes Jahr ein weiterer Pressendruck folgen. Seit der Gründung der Bear Press sind bis heute mehr als 50 Drucke entstanden. Derzeit arbeitet Wolfram Benda an einer Ausgabe von Nikolaj Gogols „Der Mantel“ mit Radierungen von Klaus Ensikat.

 BuchcoverBuchcover

 Bibliophilie, die wissenschaftlich fundiert ist

Die grundlegende Konzeption des ersten Druckes hat Benda bis heute beibehalten: Er wählt Texte der Weltliteratur aus, „die es auch wert sind, einen so großen Aufwand zu betreiben“. Diese ediert er sorgfältig nach der Originalausgabe, wenn möglich nach der Handschrift. Dazu gibt es immer ein begleitendes Nachwort, das den Autor und den Text vorstellt, entweder von Benda selbst verfasst, oder von einem anderen Literaturwissenschaftler beziehungsweise einem Autor, der einen engen Bezug zum Text hat. Eine solche Kombination von Text und Nachwort ist für Wolfram Benda sozusagen die Verkörperung der Idee von Bibliophilie, die nicht nur für die Sinnes gemacht, sondern auch wissenschaftlich fundiert ist. Es werden maximal 200 Exemplare herausgebracht. Oberster Grundsatz: Alles wird in Handarbeit hergestellt. Der Text wird im bibliophilen Handsatz gesetzt, für jedes Buch eine andere Handsatz-Type verwendet, die Grafik bis auf wenige Ausnahmen in Größe des Satzspiegels erstellt, und edle Papiere und feste Handeinbände sind selbstredend Pflicht. Vor diesem Hintergrund kann es kein Zufall sein, dass Wolfram Benda den Text „Die Weiße Kunst“ herausgebracht hat, in dem der Autor Wolf von Niebelschütz (1913 bis 1960) die rhetorische Frage stellt: „Eine wundervolle Dichtung in wundervollen Lettern auf wundervolles Papier gesetzt: ist eine reichere Hochzeit zwischen der weißen und der schwarzen Kunst vorstellbar?“

 Harmonisches Zusammenspiel von Text, Type und Illustration

Wie wichtig das möglichst perfekte Zusammenspiel der einzelnen Komponenten ist, dafür soll hier beispielhaft die Auswahl der Schrift stehen. Diese muss zum Text, zum Autor und in den historischen Kontext passen. Benda: „Für Goethe-Gedichte kann ich keine fette oder halbfette Type nehmen, das würde die Gedichte kaputt machen. Bei einem Text von Grimmelshausen ist ganz klar, das die Schrift eine Fraktur sein muss.“
Für die Illustration der Texte ist es Benda wichtig, dass der Künstler versucht, mit seiner künstlerischen Intention, umgesetzt in seiner ihm eigenen Technik (Radierungen, Holzschnitten, Lithografien et cetera) etwas zum Text zu sagen. Benda: „Es gehe nicht darum, den Text im Bild zu verdoppeln. Das wäre banal und der bibliophilen Edition unwürdig.“ Und die Liste derer, die er für geeignet hält, ist namhaft: Eberhard Schlotter, Harry Jürgens, Jan Peter Tripp, Klaus Ensikat, Kay Voigtmann, Rolf Escher, Jürgen Wölbing, Paul Mersmann ...

 Sonderdrucke und EInblattdrucke

Ab 1983 erscheinen in der Bear Press auch Sonderdrucke und Einblattdrucke. Diese sind zwar einfacher in der Ausstattung als die Pressendrucke, doch Kompromisse bei der Gestaltung, der Auswahl der Texte oder den Illustrationen gibt es nicht. Im Gegenzug eignen sie sich für Texte, deren Veröffentlichung in einem Pressendruck aufgrund des Blei-Handsatzes nicht umsetzbar oder wirtschaftlich unmöglich ist. In beiden Reihen gab Benda viele Texte als Erstveröffentlichungen heraus, darunter auch eigene Übersetzungen. Zu finden sind beispielsweise Erstdrucke von Jean Paul, Alphonse Daudet, William Beckford, Victor Hugo und Robert Louis Stevenson, aber auch von Ror Wolf oder Günter Kunert. Also auch moderne Literatur findet ihren Platz. Sogar ein in Magdeburg aufgewachsener Schriftsteller ist unter den Autoren, die Benda in seiner Presse ediert hat: der bereits zitierte Wolf von Niebelschütz mit seinem Text „Die Weiße Kunst“.

Personengruppe in einem Raum

 Gewaltiger Zeitaufwand

Um Drucke in dieser Gesamtqualität herstellen zu können, ist eine enge und lange Zusammenarbeit zwischen Verleger,  Setzer, Drucker, Korrektor, Buchbinder und Grafiker unverzichtbar. Auch davon konnte Wolfram Benda den Magdeburger Pirckheimern unterhaltsam berichten. Bei diesem Aufwand ist es nicht verwunderlich, dass von der Idee für ein Buch bis zu dessen Auslieferung vier bis sechs Jahre vergehen. Benda: „Das ist gewaltig und die Kosten sind irre hoch.“ Viele Hände sind beteiligt, bis ein Pressendruck ausgeliefert werden kann, doch alle Fäden laufen in einer Hand, der Hand Bendas, zusammen.

Die Nachfrage bei Bibliophilen und Sammlern seit mehr als 40 Jahren geben ihm und seinem Verständnis von bibliophilen Editionen recht. Das bestätigten auch die Magdeburger Pirckheimer nicht nur mit ihrem Applaus, sondern auch mit ihrem ausdauerndem Blättern in den Einblattdrucken und Sonderdrucken, die Wolfram Benda aus Bayreuth mitgebracht hatte. Und einige Exemplare werden demnächst in Magdeburger Bücherschränken ihre neue Heimat finden. 

 Zwei Personen

 Lesung mit Ursula und Lothar Günther

Um es nicht nur bei theoretischen Ausführungen zu belassen, trug im Anschluss an die Plauderei von Wolfram Benda die Autorin Ursula Günther einige Texte vor. Die Auswahl machte nochmal die Bandbreite deutlich, durch die sich die Bear Press auszeichnet. Die Lesung begann mit einem Auszug aus einem Brief des englischen Schriftstellers William Beckford (1760-1844) von seiner Reise nach Rom und Neapel im Jahre 1780 und endete im Dadaismus mit der „Karawane“ von Hugo Ball (1886 bis 1927), die Lothar Günther rezitierte.

 Frau liest vor

Personen stehen an einem Tisch und schauen sich EInbalattdrucke an.