Siegfried Wagner im Magdeburger Literaturhaus vor dem Holzschnitt "Ikarus".

Jörg-Heiko Bruns:

Laudatio für Siegfried Wagner
anlässlich seiner Ausstellung „Holzschnitte und Zeichnungen“ im Magdeburger Literaturhaus am 25. November 2015

Sehr verehrte Gäste, liebe Kunst- und Literaturfreunde, lieber Siegfried!

Wieder einmal baut das Literaturhaus Magdeburg gemeinsam mit den Freunden aus dem Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde Magdeburg und Sachsen-Anhalt Willibald Pirckheimer Brücken zum Kunstgenuss unter Einschluss der Literatur. Mit den Arbeiten des nun Quedlinburgers, viele von Ihnen kennen ja Siegfried Wagner noch aus seiner Zeit in Calvörde und in Magdeburg, zum Buch der Bücher; der Bibel und zur  altisländischen „Edda“ haben wir hier in der Ausstellung reichlich Gesprächsstoff. 

Der wohl größere Teil der Ausstellungsexponate besteht aus Holzschnitten, dem wohl ältesten Verfahren der Menschheit  ihre Bildvorstellungen festzuhalten. Schon die alten Babylonier  und die Ägypter verwendeten Holzstempel. Der Holzschnitt ist als Hochdruck im Gegensatz zu Tiefdruck und Flachdruck relativ einfach zu realisieren. Die frühesten künstlerischen Holzschnitte in Europa waren die sogenannten Einblattholzschnitte zwischen 1400 und 1550. In der Reformationszeit fand dann der Holzschnitt für Flugblätter und Pamphlete sehr häufige Verwendung und die ersten Höhepunkte des künstlerischen Holzschnitts feierte dann die Renaissance mit Albrecht Dürer, Hans Baldung und anderen.Der Holzschnitt Bedrohung von 2003 Im 20. Jahrhundert waren es vor allem die 20er Jahre in denen oft in Kunst- und Literaturzeitschriften originale Grafiken gedruckt wurden. Ich erinnere gern, weil es sich hier ja auch anbietet, an die Schönebeckerin Katharina Heise und den Magdeburger Bruno Beye, die damals mit ihren in Holz geschnittenen Kunstwerken auch in der linksorientierten Zeitschrift „Die Aktion“ publiziert wurden und natürlich auch an das Bauhaus u.a. mit Lyonel Feininger. Gerade in den 20er Jahren würde eine Aufzählung aller wichtigen Namen endlos werden. Nach den nationalsozialistischen Kunstdiktaten und Kunst-Irrungen bis 1945 kamen dann beim Holzschnitt ganz besondere Handschriften zum Zuge, die sich nicht zwischen den Fronten von abstrakter und realistischer Kunst zerreiben ließen, einer der wichtigsten und größten Erneuerer des Holzschnitts war der von der schwäbischen Achalm aus agierende HAP Grieshaber, der seit seinem Totentanz im Verlag der Kunst Dresden häufiger Gast der Magdeburger Grafikfreunde war. Ich glaube es war 1967 als HAP Grieshaber für den damaligen Grafikkreis im Kulturbund den Holzschnitt „Helft dem roten Halbmond“ schuf, ein Holzschnitt bereicherte die zweite Magdeburger Grafikmappe von 1966 und später schenkte er dem Grafikkreis seinen gesamten Totentanz von Basel in signierten Einzelblättern. Auch dem Freundeskreis Bildende Kunst blieb er mit Schenkungen, Ausstellungen und unvergesslichen Abenden im Kulturbund-Klub verbunden.

Aber zurück zu unserem Holzschneider aus Quedlinburg, der natürlich in HAP Grieshaber oder Lyonel Feininger treffliche ideelle und praktische Lehrer gefunden hat, wie es in der Ausstellung hin und wieder ablesbar ist. 

Da mein in der Volksstimme im Sommer 2007 veröffentlichter Atelierbesuch doch schon wieder Geschichte ist, darf ich vielleicht daraus einige Passagen verwenden, auch wenn sich da Teile des Einladungstextes wiederfinden. Dort war also zu lesen:

Der Lebenslauf des Künstlers Siegfried Wagner gleicht einem seiner farbigen Holzschnitte mit starken Konturen und viel Licht und Schatten. Nach seinem Studium an der Magdeburger Fachschule für angewandte Kunst (1960-1963), arbeitete er zeitweise in Calvörde und fand dann wieder in Magdeburg über viele Jahre sein künstlerisches Domizil. Athenstedt am Huy sollte schließlich ein Ruhepunkt für den Künstler und seine Familie werden, aber den fand der auch kunsttherapeutisch arbeitende Maler und Grafiker ab 1996 schließlich in Quedlinburg. Dort ist der Unruhegeist dann wohl Stück für Stück wieder zur Ruhe gekommen.

Unsere ersten Begegnungen reichen in die frühen 1970er Jahre zurück. Seine Holzschnitte waren mir schon damals aufgefallen und seine stetige und von Unruhe geprägte Suche nach Eigenem in der Kunst. Er war auch dem Freundeskreis Bildende Kunst, für den ich damals die KLUBGALERIE leitete, sehr verbunden. Den Mappendeckel zur Grafikmappe 74 gestaltete er mit einem Holzschnitt. Wie das aber bei Unruhegeistern zuweilen geschieht, verloren wir uns aus den Augen, auch wenn seine Arbeit in dieser oder jener Ausstellung in Magdeburg zu finden war. Erst die Ausstellung im Hegel-Gymnasium, die Wilfried Kiel kuratierte, brachte mich wieder auf den Weg zu ihm. Die Spur führte nach Quedlinburg auf den Weinberg über dem Weltkulturerbe, obwohl ihn damals viele seiner Kollegen noch in Athenstedt vermuteten. Eine Handzeichnung, zu sehen im Literaturhaus MagdeburgDie Vita eines Künstlers vom Privaten zu trennen, ist zumeist unmöglich, so auch bei Siegfried Wagner, der, nachdem er sein altes Gehöft in Athenstedt fast fertig ausgebaut hatte und der Einzug der Familie schon programmiert war, aus ganz pragmatischen familiären Gründen noch einmal von vorn anfing und nun in Quedlinburg, am Rande der Stadt, ein neues Haus mit Atelierbungalow erbaute. Somit vollbrachte er so etwas wie die günstigere Familienzusammenführung, denn seine Frau betreibt ihre Praxis für Neurologie und Psychiatrie nun einmal in der viel beschriebenen Welterbestadt und nicht am Huy. Und ein echter Künstler kann auf jedem Fleckchen dieser Erde arbeiten.

Mein einstige Genosse Wagner flog schon 1964 aus der ganz großen Partei und war seitdem auch ein Lieblingsobjekt für die staatssicherheitlichen Aktensammlungen. Sein Brot verdiente er als Transportarbeiter, Rangierer, Plakatmaler und später als Messegrafiker in Leipzig und Rostock. Wie oft finden wir in Kunst und Literatur solche Lebensläufe. Siegfried Wagner erinnert sich: „Dieses Metier war eine Nische für das künstlerische Proletariat der DDR. In diesem Umfeld wurde damals mehr und ehrlicher über Kunst gesprochen als im Verband. Künstlerische Arbeit zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, den man bearbeitet, zum Dialog und zur messerscharfen Kritik, da gibt es keine andere Unterordnung. Nicht umsonst haben sich Schwert und Schild der Partei  so um uns gekümmert.“, schreibt er in seinen Erinnerungen. „Eine Laufbahn als angepasster Hurraschreier ist mir so durch meine Veranlagung, alle Fettnäpfchen zu finden, erspart geblieben.“  Inzwischen beim Kunsthandel als Restaurator angestellt, nahm er 1974 ein externes Studium der Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee auf und wurde 1977 in den Künstlerverband aufgenommen, was für ihn die Legalisierung seiner Person und die Anerkennung seiner Arbeit bedeutete. Er ließ sich nicht beirren und machte mit Fleiß und Ausdauer weiter (Zitat): „Kindern muss man zum Leben verhelfen“, ist einer seiner trotzig-optimistischen Sprüche. So begann er gleich 1990 hier in Magdeburg in der Arbeitsgruppe „Werkkunstschule“ mitzuarbeiten, die Konzeptionen für die Wiedereinrichtung der Magdeburger Kunstschule erarbeiteten sollte. Auch hier ging es kontrovers zu. Und er war an der Seite jener, die die SPD in Magdeburg neu begründeten. Als das eine Kind scheiterte und das andere erwachsen zu werden begann, verabschiedete er sich, er hatte ja als Künstler ganz andere Aufgaben, die sich in keinem Büro erledigen lassen. Aber von etwas leben muss selbst ein Künstler und so wurde Siegfried Wagner für den Fond „Kunst ist Leben e.V.“  und später der Caritas im Kinderheim St. Josef zu Halberstadt Kunsttherapeut. Eine Arbeit, in die er sich wie in kaltes Wasser stürzte und die ihm schließlich viel Freude und Anerkennung brachte.

Natürlich blieb ausreichend Zeit für seine künstlerische Arbeit im eigenen Atelier. Es entstanden neue Holzschnitte und Zeichnungen. So erforscht er „das Innere eines Porträts nur mit dem Bleistift, denn die Zeichenkohle verführt zu Effekten“, merkt er dazu an. Hier spricht aus ihm wohl auch der gelernte Porzellanmaler. Aber immer noch ist der Holzschnitt sein wichtigstes Metier: „Im Sommer sammeln, im Winter schneiden und drucken“, beschreibt er den Gang der Dinge, wie er ihn liebt. Da sind die Blätter von Häusern und Windmühlen, die natürlich ein klein wenig den holzschneidenden Feininger aufleuchten lassen, wie er im Quedlinburger Feininger-Museum zu sehen ist. Da ist im oberen Stockwerk des Literaturhauses das Blatt „Naglfahr von 2007 zu sehen. Diese kristallinen Flächen, konstruktiv und geradlinig sind die Formen, die in den 1920er Jahren eine große Rolle spielten. Als sehr stark empfinde ich die Blätter „Lebensbaum“ und „Wogenreiter“, die noch ein harmonisches Grau  zu dem Schwarz und Weiß hinzunehmen oder der farbige Krieger, der quasi eine Fortsetzung und Weiterentwicklung der kristallinen Formen darstellt.Der Holzschnitt Ikarus von 2009. 

Da ist auch immer wieder der Ikarus, dessen weit abstrahierte Formensprache im farbigen Holzschnitt ebenso überzeugt wie die beklemmende Komposition eines Wolfsrudels, das einen Menschen anfällt, womit Wagner natürlich die künstlerische Sicht auf seine Zeit und sein Umfeld sprichwörtlich ins Bild rückt. Und von diesen Zeitbildern gibt es ja eine ganze Reihe in der Ausstellung. Ich erinnere nur an den Trommler, den er liebevoll-ironisch Tödlein nennt  und der sich ungewollt oder nicht mit seinem Selbstporträt verbindet oder ich erinnere an die symbolträchtigen Blätter zur Edda wie die grauen Reiter, die durchaus auch das Thema der Apokalypse aufnehmen oder an die farbigen Blätter von Odin und dem Krieger. Holzschnitt heißt für Wagner Bilder, Metaphern, Zeichen aus dem Holz holen. Und das ist Schwerstarbeit, wie er bekennt.

Und ist nicht Don Quichotte immer und überall zu finden? „Künstler sind Narren und als Narren haben wir viel bewirkt und werden es immer wieder tun“, ist schließlich sein Resümee. Wagner müsste seine Kunst viel öfter nach außen führen, auch jetzt mit 74 kann er ja seine Hände (und seinen Kopf) nicht in den Schoß legen. Das erwarten seine Freunde und die Liebhaber seiner Kunst einfach von ihm. Ich gehöre dazu und bedanke mich bei Ihnen für Ihre Geduld und wünsche Vergnügen und Erbauung beim Betrachten der Bilder und im individuellen Gespräch mit dem Künstler.