Zu Fragen und Entwicklungen der Buch- und Papierrestaurierung

Wussten Sie, dass Silberfischchen Papier lieben, dafür aber Druckerschwärze nicht mögen? Der Mehrzahl der Gäste des gemeinsamen Vortragsabends des Telemann-Arbeitskreises Magdeburg und der Magdeburger Pirckheimer war dieser Umstand neu. Dass sie diese Wissenslücke geschlossen haben, dafür hat Christoph Roth gesorgt. Er war am 10. November aus Leipzig nach Magdeburg gekommen und machte die Gäste im Gesellschaftshaus mit Grundzügen der Papier- und Buchrestaurierung vertraut.


Bücher leben gefährlich. Feuchtigkeit, Wärme, kleine Insekten wie Silberfischchen oder Nager wie Mäuse gehören zu ihren Feinden. Dazu kommen die „Probleme", die manches Papier schon mit der Geburt mitbekommen hat. Papiermacher (Stichwort Holzschliff), Schreiber, Drucker oder Buchbinder können den Grundstein für spätere Leiden gelegt haben. Oft aus Unkenntnis oder aufgrund schlechter Rohstoffe, die verwendet wurden. Schlechte Zeiten – schlechtes Papier, brachte es Roth auf den Punkt. Das Ergebnis zeigt sich meist erst später. Beispielweise wenn stark holzhaltiges Papier in den Fingern zerbröselt. In diesem Stadium kann auch der erfahrenste Buchrestaurator nicht mehr viel retten. In anderen Fällen dagegen schon: bei Tintenfraß etwa oder Feuchtigkeit, Brandschäden oder geplatzten Buchrücken.
Neben privaten Sammlern gehören Bücher aus Bibliotheken, Dokumente aus Archiven aber auch „Aktenberge" von Behörden zu den Kunden von Christoph Roth. Diese „Patienten" versorgt er in der Buchrestaurierung Leipzig GmbH, mit der er sich 2009 selbständig gemacht hat. Unter anderen restaurierte er Bücher aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar nach dem verheerenden Brand im September 2004, Werke aus dem Magdeburger Stadtarchiv oder Notendrucke aus dem Bestand der Telemann-Gesellschaft.
Anschaulich erläuterte Roth, wie man einer beschädigten Buchseite mittels Papierspaltung eine „neue Seele" gibt, mit Gammastrahlen Schimmelpilze bekämpft oder Büchern und Akten in einer Gefriertrocknungsanlage das Wasser entzieht, wenn sie beispielsweise durch Rohrbruch oder Hochwasser nass geworden sind.
Ein kurzer Exkurs Roths in die Geschichte des Papiers veranschaulichte, warum beispielsweise „Inkunabeln heute noch eine Papierqualität haben, die beeindruckend ist". Das lag daran, dass als Ausgangsmaterial Lumpen (Hadern) verwendet wurde. Lumpen habe es mit steigendem Papierbedarf eigentlich nie in ausreichendem Maße gegeben, so Roth. Das führte dazu, dass es Lumpen zur Schmuggelware gebracht haben. Es wurde nach gleichwertigem Ersatz gesucht und für einige Zeit vermeintlich bei den alten Ägyptern gefunden. Auch an dieser Stelle lernten die Gäste des Abends Kurioses und Wissenswertes zugleich. Wie Roth erzählte, wurden Mitte des 19.  Jahrhunderts in den USA Leinenbinden, mit denen ägyptische Mumien umwickelt waren, genutzt, um Papier herzustellen. Unter anderen Papier zum Verpacken von Lebensmitteln. Das ist aus heutiger Sicht nicht nur makaber und undenkbar, sondern hatte auch einen tragischen Nebeneffekt: Mit den Mumien soll die Cholera eingeschleppt worden sein, worauf es zu einer Epidemie kam. Roth: „Bestimmungen zur Desinfektion wie heute gab es damals eben noch nicht."