Die Künstlerin Andrea Lange nahm die Gäste der Vernissage mit auf einen gedanklichen Rundgang durch die Ausstellungsräume. | © Ralf Wege

„Werte Gäste, ich lade Sie ein, wenn sie nachher durch diese Ausstellung gehen, die Exponate erst mit Ihren äußeren Augen zu betrachten, dann Ihre Augen zu schließen und sie Ihrem inneren Sehen zugänglich zu machen, ihr fühlendes Sehen als Empfangsbestätigung zu empfinden.“ Mit diesen Worten beendete Dr. Gisela Albrecht ihre Laudatio auf die Künstlerin Andrea Lange. Knapp 50 kunstinteressierte Gäste waren am 17. April in das Literaturhaus Magdeburg gekommen, um – natürlich auch der Laudatio von Dr. Gisela Albrecht zu lauschen, aber vor allem, die Arbeiten von Andrea Lange zu sehen. 50 Grafiken hat die in Kemberg bei Wittenberg lebende Künstlerin in der Ausstellung unter dem Titel „Hinter geschlossenen Lidern“ vereint. Darunter Holzschnitte, Farbholzschnitte, Kohle-Kreide-Zeichnung, Radierungen und Kombinationen wie Holzschnitt und Radierung oder Holzschnitt mit Stempel-, Papp- und Materialdruck.

Besucher der Vernissage | © Ralf Wege

Dazu kamen in vier Vitrinen Beispiele für Künstlerbücher, die sie geschaffen hat. Darunter das Leporello „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert mit Radierungen und Farbholzschnitten oder „Kein Brief an Artur“, Gedichte, Tuschpapiere und Holzschnitte , hergestellt im Handsatz und Buchdruck. Nicht fehlen durften einige „LyrikHefte“, die Andrea Lange seit 2005 gemeinsam mit ihrer Künstler-Kollegin Bettina Haller in der Sonnenberg-Presse (Werkstatt für Buchkunst und Hochdruck) herausgibt, der Presse, die 2015 mit dem „Victor Otto Stomps-Preises der Stadt Mainz“ ausgezeichnet wurde.

Zwischen den Künstlerbüchern in den Vitrinen und den Arbeiten an den Wänden ergab sich in vielen Fällen ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Druck im Buch und Druck als einzelnes Grafikblatt. Als Beispiel ist hier das Künstlerbuch „Wolfgang Borchert – Die Küchenuhr“ angeführt. Gefertigt ist es als Kombination von Handsatz aus der Bodoni und Buchdruck auf Bugra Bütten und Alt Worms, fadengeheftet als Leporello mit fester bedruckter Buchdecke und zwei Halbschubern im Format 26 x 34 cm. Die im Buch enthaltenen Farbholzschnitte „Die auf der Bank“, „Da irren Sie“ und „Das Schönste ist“ sowie die Radierungen „Die Küchenuhr“ I, III, IV, VI, IIX und X waren in der Ausstellung auch als Einzelgrafiken im Format 40 x 50 zu sehen.

Zu den Exponaten gehörten auch einige LyrikHefte.
 
Vor der Laudatio hatte Andrea Lange die Gäste zunächst auf einen gedanklichen Rundgang durch die Ausstellungsräume mitgenommen. Zu vielen der Exponate, welche die Besucher anschließend betrachten konnten, erzählte sie etwas zu deren Entstehung. Damit bekamen die Besucher einen kleinen, dafür umso persönlicheren Einblick in ihre Gedankenwelt, bekamen eine Ahnung von den inneren Kräften, die Andrea Lange zu ihren Kunstwerken treiben. So gerüstet begaben sich die Gäste anschließend auf ihre Erkundungstour. Und man kann sicher sein, dass es dabei viele „innere Berührungen und vitale Gefühlserlebnisse“ bei den Begegnungen mit den Exponaten gab, wie es Gisela Albrecht den Besuchern für deren Gang durch die Ausstellung gewünscht hatte.

 

Die Farbholzschnitte "Josefa" (l.) und "Wann der Mann zu einer Hure geht"

"Kein Brief an Artur", Gedichte als Brieffragmente 

Halbe Töne – Monteverdi I, Schattenspiel – Monteverdi II, Radierung, Farbholzschnitte

Dr. Thomas Glöß stellte die Editionen des Leipziger-Bibliophilen-Abends vor

Die Editionen des Leipziger Bibliophilen-Abends (LBA) genießen unter Sammlern einen ausgezeichneten Ruf. Warum das so ist, zeigte LBA-Vorsitzender Dr. Thomas Glöß sehr anschaulich am 27. März im Literaturhaus Magdeburg. Und das im doppelten Sinne. Zum einen war er als gelernter Buchdrucker (noch so richtig im Bleisatz), erfahrener Buchgestalter und als Hochschullehrer u.a. für Typografie, Grafik, Druck- und Designgeschichte mit dem nötigen Fachwissen vertraut, um das Bibliophile an Druckerzeugnissen anschaulich erklären zu können. Zum anderen hatte er ausgewählte Exemplare der LBA-Editonen mitgebracht und so den knapp 20 Gästen des Abends die persönliche Anschauung der Bücher ermöglicht, wovon diese auch ausgiebig Gebrauch machten.

Dr. Thomas Glossar mit der Publikation » … mitten in Leipzig, umgeben von eignen Kunstschätzen und Sammlungen andrer … «

Doch bevor die Bücher in die Hand genommen werden konnten, gab Thomas Glöß als Start in den Abend einen kurzen Überblick über die Geschichte des LBA. Anschließend stellte er die Editionen anhand einiger ausgewählter Beispiele vor. Großer Wert werde bei allen Ausgaben auf die Gleichrangigkeit von Text, Grafik und Gestaltung gelegt, so Glöß. Am Anfang seines Exkurses stand »Rote Wut und schwarze Galle« – eine Anthologie mit Texten zur Zeit von Ulrich von Hutten bis Volker Braun, mit Holzstichen von Karl-Georg Hirsch. Dabei handelt es sich um den ersten Druck der Reihe »Leipziger Drucke«, einer von fünf Reihen. Weiter ging es bei den »Leipziger Drucken« mit den »Flüchtlingsgesprächen« von Bertolt Brecht, mit zwölf Holzschnitten von Hans Ticha gestaltet, über das »Schöpfungsalphabet« aus dem Buch Sohar mit 22 originalgraphischen Buchstabenbildern von Josua Reichert zu Johannes von Saaz` »Der Ackermann und der Tod« mit sieben Steindrucken von Rolf Münzner. Immer wieder flocht Thomas Glöß sein Wissen aus dem Entstehungsprozess einiger der vorgestellten Bücher mit ein und gestaltete so den Abend für die Gäste zu einem besonderen Erlebnis. So bekamen diese beispielsweise einen Eindruck über die von Rolf Münzner bevorzugte Technik der Schablithografie und seiner speziellen Herangehensweise. Dabei färbt der Künstler den Lithostein erst schwarz ein. Anschließend wird das Bild aus dieser Schicht »herauskratzt«. 40 bis 50 Zeichnungen habe Münzner angefertigt, damit am Ende sieben Lithos für »Der Ackermann und der Tod« gedruckt werden konnten. »Ein tolles Buch«, so Glöß, und eines von mehreren vom LBA editierten Büchern, die als »schönstes Buch« von der Stiftung Buchkunst erkoren wurden. Zu diesen gehört auch das Buch »Blaubart« mit sechs Original-Farbholzschnitten von Klaus Süß, die dieser in der Technik der verlorenen Form geschaffen hat. Heute ein höchstens noch antiquarisch erhältliches Buch, das ihm währen der Herstellung manch schlaflose Nacht bereitet habe, erinnert sich Glöß. Eine Zahl mag stellvertretend für den hohen Aufwand stehen, der erforderlich ist, um das gewünschte bibliophile Ergebnis zu erreichen. 3.500 Druckgänge seien nötig gewesen, so Glöß, um die Holzschnitte von Klaus Süß in die 180 Exemplare des »Blaubart« zu bringen.

Ein Exemplar des "Blaubart, herausgegeben vom LBA 2009 | © R. Wege 

Zum Abschluss kam Thomas Glöß auf die aktuelle Reihe des LBA zu sprechen, die den Titel »Paradisische Dialoge« trägt. Wenige Tage zuvor, auf der Leipziger Buchmesse, hatte der LBA den vierten Druck dieser Publikationsreihe mit dem Titel »Farn« vorgestellt. Zuvor sind erschienen: Hans-Eckardt Wenzel »An eines Sommers frühem Ende«, Anja Kampmann: »Fischdiebe«, Lutz Friedel: »mensch! KLINGER«. 

Und auch diese Publikationsreihe zeigte anschaulich die Flexiblität des LBA, wenn es um Bibliophilie geht. Der erste Druck »An eines Sommers frühem Ende«, Gedichte von Hans-Eckardt Wenzel, wurde nicht nur mit neun Lithografien von Johannes Heisig ausgestattet, sondern der Ausgabe auch noch die CD »Wenzel: ACHT LIEDER« beigegeben. Wobei die CD exklusiv für den Leipziger-Bibliophilen-Abend gepresst wurde. Glöß: So ist also nicht nur etwas Bibliophiles, sondern auch etwas Audiophiles entstanden.«

Zweiter Druck der Reihe „PARADIESISCHE DIALOGE“ – Fischdiebe | © R. Wege

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege bedankte sich bei Dr. Thomas Glöß mit einer Ausgabe des "Ghotan". | © R. Wege

Nach dem Vortrag nutzten die Gäste die Gelegenheit, in den Editionen zu blättern. | © R. Wege