Ninon Suckow im Literaturhaus Magdeburg | © R. Wege

Ein Glück für die Mitglieder des Vereins der Bibliophilen und Graphikfreunde, dass der Lieblingsdrucker von Ninon Suckow Simon Koch ist, der in der Magdeburger Druckgeschichte eine wichtige, jedoch weitgehend unbekannte Rolle spielt. Ninon Suckow entdeckte Simon Koch, weil ihr seine Person und seine Drucke als Thema für ihre Diplomarbeit als Studentin „schmackhaft“ gemacht worden war. Entsprechend fundiert gestaltete sich ihr Vortrag im Literaturhaus, zumal dazu noch etliche Jahre Erfahrung als Bibliothekarin in der Abteilung für Wiegendrucke der Staatsbibliothek zu Berlin gesellten.

Ninon Suckow im Literaturhaus bei den Magdeburger Pirckheimern | © R. Wege

Schwierige Quellenlage

Etwas über die früheste Druckgeschichte in Magdeburg zu erfahren sei gar nicht so leicht gewesen, so Ninon Suckow. Denn leider habe die Druckgeschichte der Stadt im Bewusstsein von Buchhistorikern und Inkunabelforschern lange eher ein Schattendasein geführt. Der Blick der Forschung sei in Deutschland immer zuerst auf Mainz und die bedeutenden Druckstädte im Süden und Westen des Landes gerichtet worden. In der Dissertation von Ursula Altmann habe sie für ihre eigenen Untersuchungen zu den Drucken von Simon Koch eine wesentliche Quelle gefunden.

Bevor Ninon Suckow auf Simon Koch zu sprechen kam, betrachtete sie, wie die „Schwarze Kunst“ an die Elbe kam, erzählte beispielsweise über den Magdeburger Erstdrucker Bartholomäus Gothan oder Lukas Brandis, einer der Drucker aus der Brandis-Familie. Gemeinsam druckten die beiden 1480 das Missale Magdeburgense. Aus dieser ersten Magdeburger Offizin gingen etwa 20 Drucke hervor. Sechs Drucke sind nachgewiesen, die entstanden, bevor Lukas Brandis wohl noch 1480 Magdeburg wieder verließ und Ghotan die Werkstatt allein weiterführte. Die letzten datierten Magdeburger Drucke Ghotans stammen aus dem Jahre 1483. Vermutlich hat auch er die Stadt wenig später verlassen.

Nach informativen und kurzweiligen 90 Minuten blieb noch Zeit für Gespräche zwischen Ninon Suckow und den Gästen. Zum Abschluss des Abends überreichte Vereinsvorsitzende Sigrid Wege an die Referentin das von dem Vereinsmitglied Helmut Heinrich verfasste Buch "Die Welt des Druckens. Eine Zeitreise durch die Jahrhunderte der Schwarzen Kunst in Magdeburg".

 

Der nachfolgende Text ist eine stark gekürzte Zusammenfassung des Vortrages von Ninon Suckow, in dem sie direkt auf Simon Koch und dessen Werke eingeht.
Ab 1483 druckte dann Simon Koch in Magdeburg mindestens bis zum Ende des Jahrhunderts. Der letzte Druck, der ihm in der Literatur zugeschrieben wird, ist ein niederdeutsches Prognostikon für 1504. Da davon jedoch kein Exemplar mehr erhalten ist, kann die Zuweisung an ihn nicht überprüft werden. Seine letzten datierten Drucke stammen aus dem Jahr 1500.

Kochs Lebensstationen bleiben weitestgehend im Dunklen. Eine der wenigen greifbaren Spuren ist ein Hinweis auf ein um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert in Weilburg an der Lahn gelegenes Haus eines Simon Koch. Dabei handelt es sich sicher nicht um Simon Koch, aber vermutlich um einen seiner Vorfahren. Ansonsten kann man Hinweise auf Kochs Leben und vor allem auf seine Arbeitsweise nur dem entnehmen, was wir gedruckt in unseren Händen halten können. So kennt man seinen Geburtsort aus einem seiner Drucke, denn in der Schluss-Schrift seines 1486 gedruckten Missales teilt er mit „Impressum Magdeborch arte Simonis Koch de Wylborch“.

1486 eine erneute Ausgabe des Missale Magdeburgense

Als erstes druckte Simon Koch in Magdeburg einen Ordinarius Praemonstratensis, also die Ordensregeln der Prämonstratenser, wozu ihm wohl die bisher von Bartholomäus Ghotan genutzte Druckerei zur Verfügung stand. Der ersten Ausgabe der Ordensregeln folgte etwa 1484 eine weitere. Diesen beiden Drucken für die Prämonstratenser folgte dann 1486 eine erneute Ausgabe des Missale Magdeburgense, mit dessen Herstellung nun Simon Koch beauftragt wurde. Für den Druck dieses Messbuches konnte er zum Teil die Typen der ersten, durch Bartholomäus Ghotan und Lukas Brandis hergestellten Ausgabe verwenden. Die für den Druck notwendige kleinere Missale-Type aber offenbar nicht. Er löste das Problem auf typisch Kochsche Weise: er verwendete die Majuskeln der übernommenen größeren Type auch dafür und stellte sich dazu kleinere Minuskeln in sehr ähnlicher Form her. Er erreichte also den gewünschten Effekt mit einem möglichst geringen Aufwand. Diese Arbeitsweise durchzieht seine gesamte Tätigkeit, wie wir immer wieder feststellen können.

Unterhaltungsliteratur in niederdeutscher Sprache

Der Druck des Missales war Kochs letzte Arbeit im Auftrag kirchlicher Stellen. Warum er keine Aufträge mehr bekam, bleibt im Dunkeln. Jedenfalls musste er von nun an ohne finanzkräftige Auftraggeber und gesicherten Absatz mit eigenem geschäftlichem Risiko weiterarbeiten. Simon Koch hatte sich schon neben den „Auftragswerken“ mit dem Druck von Texten zur Information und Unterhaltung der städtischen Bürger beschäftigt. Von nun an befasste er sich ausschließlich mit dieser Art von Literatur. Seine eigentliche Domäne wurde der Druck von Erbauungs- und Unterhaltungsliteratur in niederdeutscher Sprache.
 
Bereits im Jahre 1484 erschienen bei ihm zwei kleine Schriften aktuellen Inhalts: Ein Bericht über die Christenverfolgung in Prag und ein Bericht über den Einfall der Türken in Krain. Es folgten zwei Almanache für 1486 und 1487 und ein Bericht von der Wahl Maximilians zum Römischen König im Jahre 1486. Danach folgte sein umfangreichster Druck, eine niederdeutsche Legenden-Sammlung, die 1487 erschien. Die 256 Holzschnitte dieser Ausgabe sind nach dem Vorbild einer 1475 in Nürnberg bei Johann Sensenschmidt erschienen hochdeutschen Ausgabe geschnitten, die dann später Lukas Brandis für seine um 1478 entstandene niederdeutsche Ausgabe übernahm. Wir sehen also auch wieder die Verbindung zur Brandis-Familie. Um den Druck mit einer so großen Zahl von Holzschnitten ausstatten zu können beschritt Koch einen äußerst ungewöhnlichen Weg. Um den Aufwand zu reduzieren ließ er Druckstöcke für rechte und linke Hälften von Holzschnitten schneiden, die dann durch unterschiedliche Kombinationen verschiedene bildliche Darstellungen ergaben und auf diese Weise den Aufwand deutlich reduzierten.

Kleinschriften und Einblattdrucke

Auch wenn er, wie immer, auch hier wieder äußerst sparsam zu Werke ging, hat sich Simon Koch vermutlich bei der Herausgabe dieses Werkes finanziell verausgabt, das Ausbleiben lukrativer Aufträge hat sicher ein Übriges dazu getan; jedenfalls gestatteten es seine Mittel nun wohl nicht mehr, größere Projekte in Angriff zu nehmen.  Er druckte von nun an fast nur noch die für seine Offizin so charakteristischen Kleinschriften und Einblattdrucke.  
 
Schaut man sich die Gesamtproduktion Simon Kochs an, so muss man feststellen, dass sie mit 45 Drucken für den Zeitraum von etwa 20 Jahren Drucktätigkeit relativ gering ist. Dies gilt selbst dann, wenn man ins Kalkül zieht, dass von einem Teil seiner Druckwerke kein Exemplar erhalten blieb. Da seine Drucke zudem auch nicht kontinuierlich erschienen sind liegt die Vermutung nahe, dass Koch seinen Lebensunterhalt noch auf eine andere Weise verdient haben muss. Vielleicht war er in einem artverwandten Beruf tätig, Belege dafür haben wir bisher nicht. Ebenso ist über seinen weiteren Lebensweg nichts bekannt.

Fazit

Mit seinem eher bescheidenen Werk gehört Simon Koch sicher nicht zu den bedeutenden Druckern, die entscheidend zur Entwicklung des Buchdrucks beigetragen haben. Seine Verdienste für den Buchdruck des 15. Jahrhunderts sind allein unter dem Aspekt des regionalen Wirkens zu erkennen und zu würdigen. Simon Koch gehört zur Gruppe jener Drucker des 15. Jahrhunderts, die ohne finanzkräftige Auftraggeber und mit wahrscheinlich nur geringem Eigenkapital arbeiten mussten. Wir wissen aus der Buchgeschichte, dass die Zahl derer, die in ähnlicher Situation gescheitert sind, groß ist. Koch hat es aber geschafft, über einen beachtlichen Zeitraum als Drucker tätig zu sein.

Die Künstlerin Andrea Lange nahm die Gäste der Vernissage mit auf einen gedanklichen Rundgang durch die Ausstellungsräume. | © Ralf Wege

„Werte Gäste, ich lade Sie ein, wenn sie nachher durch diese Ausstellung gehen, die Exponate erst mit Ihren äußeren Augen zu betrachten, dann Ihre Augen zu schließen und sie Ihrem inneren Sehen zugänglich zu machen, ihr fühlendes Sehen als Empfangsbestätigung zu empfinden.“ Mit diesen Worten beendete Dr. Gisela Albrecht ihre Laudatio auf die Künstlerin Andrea Lange. Knapp 50 kunstinteressierte Gäste waren am 17. April in das Literaturhaus Magdeburg gekommen, um – natürlich auch der Laudatio von Dr. Gisela Albrecht zu lauschen, aber vor allem, die Arbeiten von Andrea Lange zu sehen. 50 Grafiken hat die in Kemberg bei Wittenberg lebende Künstlerin in der Ausstellung unter dem Titel „Hinter geschlossenen Lidern“ vereint. Darunter Holzschnitte, Farbholzschnitte, Kohle-Kreide-Zeichnung, Radierungen und Kombinationen wie Holzschnitt und Radierung oder Holzschnitt mit Stempel-, Papp- und Materialdruck.

Besucher der Vernissage | © Ralf Wege

Dazu kamen in vier Vitrinen Beispiele für Künstlerbücher, die sie geschaffen hat. Darunter das Leporello „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert mit Radierungen und Farbholzschnitten oder „Kein Brief an Artur“, Gedichte, Tuschpapiere und Holzschnitte , hergestellt im Handsatz und Buchdruck. Nicht fehlen durften einige „LyrikHefte“, die Andrea Lange seit 2005 gemeinsam mit ihrer Künstler-Kollegin Bettina Haller in der Sonnenberg-Presse (Werkstatt für Buchkunst und Hochdruck) herausgibt, der Presse, die 2015 mit dem „Victor Otto Stomps-Preises der Stadt Mainz“ ausgezeichnet wurde.

Zwischen den Künstlerbüchern in den Vitrinen und den Arbeiten an den Wänden ergab sich in vielen Fällen ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Druck im Buch und Druck als einzelnes Grafikblatt. Als Beispiel ist hier das Künstlerbuch „Wolfgang Borchert – Die Küchenuhr“ angeführt. Gefertigt ist es als Kombination von Handsatz aus der Bodoni und Buchdruck auf Bugra Bütten und Alt Worms, fadengeheftet als Leporello mit fester bedruckter Buchdecke und zwei Halbschubern im Format 26 x 34 cm. Die im Buch enthaltenen Farbholzschnitte „Die auf der Bank“, „Da irren Sie“ und „Das Schönste ist“ sowie die Radierungen „Die Küchenuhr“ I, III, IV, VI, IIX und X waren in der Ausstellung auch als Einzelgrafiken im Format 40 x 50 zu sehen.

Zu den Exponaten gehörten auch einige LyrikHefte.
 
Vor der Laudatio hatte Andrea Lange die Gäste zunächst auf einen gedanklichen Rundgang durch die Ausstellungsräume mitgenommen. Zu vielen der Exponate, welche die Besucher anschließend betrachten konnten, erzählte sie etwas zu deren Entstehung. Damit bekamen die Besucher einen kleinen, dafür umso persönlicheren Einblick in ihre Gedankenwelt, bekamen eine Ahnung von den inneren Kräften, die Andrea Lange zu ihren Kunstwerken treiben. So gerüstet begaben sich die Gäste anschließend auf ihre Erkundungstour. Und man kann sicher sein, dass es dabei viele „innere Berührungen und vitale Gefühlserlebnisse“ bei den Begegnungen mit den Exponaten gab, wie es Gisela Albrecht den Besuchern für deren Gang durch die Ausstellung gewünscht hatte.

 

Die Farbholzschnitte "Josefa" (l.) und "Wann der Mann zu einer Hure geht"

"Kein Brief an Artur", Gedichte als Brieffragmente 

Halbe Töne – Monteverdi I, Schattenspiel – Monteverdi II, Radierung, Farbholzschnitte