Gert. H. Wollheim: "Ich hatt einen Kameraden"

Es wurde ein spannender Abend, zu dem die Magdeburger Pirckheimer Jutta Osterhof in das Literaturhaus Magdeburg eingeladen hatten. Spannend, weil die Hauptperson des Abends, Gert Heinrich Wollheim, eine spannende Biografie vorweisen kann. Der 1894 in Loschwitz bei Dresden geborene Maler Gert Heinrich Wollheim konnte auf ein bewegtes Leben zurückblicken, als er 1974 in New York starb. Zwei Verwundungen im Ersten Weltkrieg, 1919 das Leben in der Künstlerkommune mit Otto Pankok, die Begegnungen mit Max Ernst, Otto Dix und Johanna Ey im "jungen Rheinland", die Zeit als "entarteter Künstler", das Exil in Paris und der Schweiz und 1947 die Ausreise in die USA sind nur einige, aber markante Stationen, seines Lebens.

Verspricht das alleine schon eine interessante und abwechslungsreiche künstlerische und politische Zeitreise in das 20. Jahrhundert, so ließen die Schilderungen von Jutta Osterhof diese Reise zu einer engen Begegnung mit dem Künstler im Kontext des jeweiligen Zeitgeschehens werden. Das ist dem Umstand zu verdanken, dass der Schwiegervater von Jutta Osterhof einen engen persönlichen Kontakt zu Gert Heinrich Wollheim pflegte, der sich auch auf die nachfolgende Generation übertrug. So bestand bis zu seinem Tod zwischen dem Künstler und der Familie Osterhof eine enge persönliche Verbindung. Entsprechend kamen die Gäste im Literaturhaus in den Genuss zahlreicher Anekdoten um den Maler und den Menschen Gert Heinrich Wollheim, die so in keiner Biographie, in keinem Ausstellungskatalog oder Internet-Eintrag zu finden sind. Heute verwaltet Jutta Osterhof einen großen Teil des Nachlasses von Gert Heinrich Wollheim. Sie engagiert sich, dass künstlerische Erbe Wollheims mit Ausstellungen und Vorträgen in Deutschland lebendig zu halten.

Rückseite des Gemäldes "Ich hatt`einen Kameraden …"

Um es nicht nur bei der Theorie zu belassen, hatte Jutta Osterhof einige Arbeiten Wollheims mitgebracht, die einen Einblick in das Schaffen des Malers gaben. Darunter Skizzenbücher, Gemälde und Zeichnungen. Für viele Gäste des Abends war ein Anziehungspunkt das beeindruckende, beklemmende und heute wieder aktuelle Bild "Ich hatt`einen Kameraden …" (33x52,5 cm. Öl auf Holz. 1963), in dem Wollheim seine traumatischen Kriegserlebnisse thematisiert. Rückseitig auf dem Bild, nicht untypisch für Wollheim, ein Gedicht. Mehrere ausgelegte Kataloge zu Wollheim-Ausstellungen ermöglichten den Gästen, den Blick etwas tiefer in das Werk des Künstlers zu lenken und Anregungen für eine weitere Begegnung mit Gert Heinrich Wollheim von diesem Abend mitzunehmen.

Skizzenblock von Gert H. Wollheim | © R. Wege Selbstporträt

Jutta Osterhof im Literaturhaus Magdeburg | © R. Wege

Dr. Peter Labuhn (r.) und Dr. Jens-Fietje Dwars sprechen über schöne Bücher. | © R. Wege

Gut 50 Gäste, insbesondere viele Literatur- und Bücherfreunde, wurden am 23. Januar 2019 von Ute Berger und Sigrid Wege beim gemeinsamen Neujahrsempfang des Magdeburger Literaturhaus-Vereins und des Vereins der Bibliophilen- und Graphikfreunde Magdeburg und Sachsen-Anhalt "Willibald Pirckheimer" begrüßt. Es war das zweite Mal, dass beide Vereine zur ersten Veranstaltung in einem neuen Jahr gemeinsam in das Magdeburger Literaturhaus eingeladen hatten. Den musikalischen Auftakt gestalteten Marco Reiß und Petra Steinbring vom Rossini-Quartett.

Petra Steinbring und Marco Reiß eröffneten den Neujahrsempfang musikalisch. | © R. Wege  

Anschließend unterhielten sich unter Einbeziehung des Publikums der Schriftsteller, Film- und Ausstellungsmacher Dr. Jens-Fietje Dwars aus Jena und der Stendaler Bibliophile Dr. Peter Labuhn über schöne und weniger schöne Bücher. Schnell wurde jedem Besucher klar, dass es auf die scheinbar einfache Frage "Was ist ein schönes Buch" keine einfache Antwort gibt.
Andererseits zeigte sich, dass zwei theoretisch an gegenüberliegenden Seiten eines Tisches sitzende Akteure - ein unabhängig vom ökonomischen Aufwand am schönen Buch interessierter Sammler und einem wirtschaftlichen Zwängen unterliegender Herausgeber schöner Bücher -  doch sehr ähnliche Vorstellungen davon haben, was ein Buch zu einem schönen Buch macht. Es darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies dem Umstand zu verdanken ist, dass sich Jens-Fietje Dwars beispielsweise seine Buchreihe "Edition Ornament" (www.edition-ornament.de) bewußt unabhängig von der Wirkung des Buchmarktes und zugleich in der Form der Selbstausbeutung als Verleger leistet. Dwars: "Ich mache die Bücher, von denen ich glaube, dass sie in den Markt eingeschmuggelt werden müssen." Dass der Markt dies oft honoriert zeigt sich darin, dass etliche der Vorzugsausgaben beim Verlag längst vergriffen sind.

Wahrscheinlich ist genau diese Konstellation der Grund, warum überhaupt zwischen beiden Akteuren viel Übereinstimmung bei den Kriterien herrschen kann, die ein schönes Buch ausmachen. Für Peter Labuhn ist ein Buch zunächst "... eine Veröffentlichung, um einen Text lesen zu können." Daher sei er kein Freund von Buchobjekten. Für ihn ist ein Buch ein sinnliches Erlebnis: Visuell, ich genieße die Typographie, die zum Inhalt passen muss, ich bewundere den Satzspiegel, ich erfreue mich an guten Illustrationen wenn sie mich gedanklich weiter führen und nicht bloß das abbilden, was im Text steht ... und es erfreut meine Hand, wenn ein guter Einband das Ganze umrahmt ..." 

Jens-Fietje Dwars verwies auf die für ihn wichtige Tradition von Buchkunst aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise der Cranach-Presse. Für ihn, so Dwars, sei es bei der Gestaltung eines Buches wesentlich, sich zu einer Tradition bekennen, diese lebendig halten ohne sie nachzuahmen, sondern in kleinen Momenten zu bereichern, abzuwandeln .... Als Beispiel hatte er unter anderem den "Zarathustra" von Henry van de Velde mitgebracht. Dwars über die Gestaltung: " ... man kann sich diesem Sog nicht entziehen, das hat natürlich Kraft, das hat Gestaltung". Andere Vorbilder sind für ihn Kurt Wolffs berühmte Reihe "Der jüngste Tag", "Der Tod des Tizian" von Harry Graf Kessler in seiner Cranach-Presse mit dem "wunderbar ausgezirkelten Satzspiegel".

Dr. Jens-Fietje Dwars hatte zahlreiche Beispiele für schöne Bücher mitgebracht. | © R. Wege Dr. Peter Lauben (r.) mit Capeks

Gebannt verfolgten die Gäste das Gespräch über schöne Bücher. | © R. Wege

 Die Gäste nutzten ausgiebig die Gelegenheit, in schönen Büchern zu blättern. | © R. Wege Sigrid Wege, Vereinsvorsitzende der Magdeburger Pirckheimer begrüßte die Gäste. | © R. Wege

 


 
 
Für alle, die diesen wunderbaren Abend rund um das schöne Buch verpasst haben, hier eine kurze Zusammenfassung aus Sicht von Dr. Jens-Fietje Dwars
 

Was ist ein schönes Buch?

Gespräch mit Peter Labuhn im Literaturhaus Magdeburg am 23. Januar 2019

Was für eine einfache Frage: Schön sind Bücher, die jedem gefallen. Aber ach: gibt es die wirklich? Gefällt nicht jedem etwas anderes? Ist Gefallen eine Frage des Geschmacks, über den man angeblich nicht streiten kann? Doch, man kann und soll darüber streiten. Freilich nicht über das subjektive Belieben. Wenn jemand trockenen Wein zu „sauer“ findet und daher nach „lieblichem“ verlangt, dann macht es keinen Sinn, ihm sein Empfinden, seinen Sinneseindruck ausreden zu wollen. Aber man kann das Empfinden schulen, man kann die Wahrnehmungen der Sinne verfeinern – und gerade darin besteht das Wesen von Kultur. Damit das aber nicht bloß eine Anmaßung derer bleibt, die glauben, Kultur zu besitzen, braucht es Kriterien – und allein darüber kann und soll man streiten.

Kriterien

Bücher entstehen aus dem Zusammenwirken vieler Tätigkeiten: der Autor (oder eine Autorin – daß hier beides gemeint ist, versteht sich von selbst) schreibt einen Text, ein Künstler kann ihn illustrieren, der Gestalter vereint Text und Bild, der Drucker sorgt für gleichmäßig sauberen Farbauftrag auf dem passenden Papier und der Buchbinder gibt dem Ganzen Halt in Gestalt eines Buches, das möglichst nach mehrfachem Lesen noch seine Form bewahren soll. Im Idealfall ist der Verleger der Regisseur des Ganzen, der Autor und Grafiker zusammenführt, einen Gestalter gewinnt, mit dem Drucker das Papier auswählt, die Bindeart bestimmt und wie ein Dirigent für das harmonische Zusammenstimmen seines „Orchesters“ sorgt.

Wenn all diese Teilarbeiten nach einer Gesamtidee von Meistern ihres Fachs ausgeführt werden, entsteht ein meisterliches Buch. Das kann auch ein Sachbuch sein, selbst ein trockenes Mathe­matik-Buch kann schön sein, wenn es das Kriterium der Harmonie aller Momente erfüllt: Farbe, Durchsichtigkeit und Umschlagverhalten des Papiers, eine harmonische Seitengestaltung mit gut proportionierten Rändern und sparsamen Farbakzenten sowie eine Bindung, die stabil und zugleich leicht aufzuschlagen ist.

Text und Bild sollten funktional sein, d.h. der Text in einer Schrifttype und –Größe gesetzt, die das Lesen nicht erschwert, sondern zur Freude, zum Genuß macht. Dabei sollte die Form dem Inhalt entsprechen: von einem Sachbuch, zumal mit kürzeren Texten, erwartet man eher eine sachliche, eine serifenlose Schrift, die in ihrer nüchtern technischen Anmutung Aufmerksamkeit weckt, aber auf die Dauer auch ermüdet. Belletristik dagegen verlangt bei längeren Texten, wie Romanen, eine Serifenschrift, die das Auge nicht so schnell erschlaffen läßt.

Bilder, die den Text nur abbilden, langweilen auf Dauer. Sie sollten wie eine zweite Sprache den Text begleiten, optimal also auch optisch ein Gleichgewicht zum Textblock bilden. Will man kraftvolle Akzente setzen, kann auch die ganze Seite mit einem Bild gefüllt und von den Rändern angeschnitten werden. Auf Dauer freilich ermüdet dieses „moderne“ Verfahren, weil sich der starke Eindruck des den Leser geradezu anspringenden Bildes nicht weiter steigern läßt.

 

Wachsende Unsicherheit auf dem Buchmarkt oder Lernen aus Mißlungenem

Jahr für Jahr, ja tagtäglich stürzt eine wahre Flut an neuen Büchern auf uns ein, zumal heute die Technik des digitalen Drucks jedem ermöglicht, sein eigenes Buch in beliebiger Stückzahl zu vervielfältigen. Viele dieser selbstgemachten oder in dubiosen Bezahlverlagen hergestellten Bücher fragen nicht nach Kriterien, sondern folgen dem eigenen Belieben: da werden verspielte, möglichst „originelle“ Schriften in unterschiedlicher Größe verwendet, Bilder in Briefmarken­größe zwischen die Absätze gestellt, die Titel plump in die Mitte der Seite gesetzt etc. pp.

Von solch mißlungenen Bücher kann man lernen: Meist fallen sie tatsächlich auf, doch eher negativ, sie erzeugen beim Betrachter ein Unbehagen, das lehrreich sein kann, wenn man sich fragt, was hier nicht stimmt. So kann man indirekt auf Gesetze der Harmonie schließen, wenn man von schmerzlich empfundenen Verstößen gegen das Schönheitsempfinden ausgeht.

Bemerkenswerterweise jedoch verstoßen heute zunehmend auch professionelle Verlage gegen solche Gesetze und Regeln der Buchgestaltung, um auf dem Markt Aufmerksamkeit zu erzielen. Da werden Absätze nicht mehr eingezogen, sondern die Satzanfänge aus dem Schriftblock heraus ragend gesetzt. Wenn ein solches Layout, das verstört und verstören soll, um aufzufallen, als „herausragend“ im wertenden Sinne gilt, dann wird es bedenklich.

So hat die Jury des Wettbewerbs um das „Schönste Buch“ 2017 den Katalog einer Ausstellung (Silke Opitz (Hg.): Zwei Räume für sich allein. Maria von Gneisenau und Schloss Molsdorf. Revolver Publishing Berlin 2016, 240 S.) auf ihre Shortlist gesetzt, der Briefe Rilkes in einer übergroßen Schrift (18 Punkt) als randfüllende Bleiwüste präsentiert, während die Anmerkungen in kleinster Petitschrift kaum mehr lesbar sind. Natürlich fällt solch ein Layout auf, doch ist es darum weder funktional noch schön.

Auffallen um des Auffallens willen ist vielmehr ein Kennzeichen unserer Zeit: des Kultus der Besonderheit. Wenn aber jeder etwas Besonderes sein will, dann wird das Besondere zum Allgemeinen und hebt sich selbst auf. Wie uns jede Mode lehrt: sobald jederman und jede Frau den neuesten Chic trägt, wird er langweilig und uninteressant.

Solange es noch kleine Verlage gibt, die sich jenseits aller Marktmoden zur reichen Tradition der Buchkunst bekennen und fein abgewogen mit deren Regeln spielen, wird es auch künftig schöne Bücher geben.