Im Rückblick

Laudatio: Christiane Schütze - Malerei und Lyrik

Eva Reulecke hält die Laudatio auf Christiane Schütze.

Ausstellungseröffnung Christiane Schütze – Laudatio von Eva Reulicke

Literaturhaus Magdeburg, 15. März 2017

Christiane Schütze skizziert in ihrem Tagebuch, malt, zeichnet, fotografiert, schreibt Texte und Lyrik. Als ausgebildete Diplombibliothekarin ist sie seit 1991 Mitarbeiterin im Kultusministerium. Als Künstlerin ist sie Autodidaktin.2016 wurde sie in den BBK aufgenommen. Und sie präsentiert uns heute und hier ihre Arbeiten, vorwiegend Portraits und Landschaften.

Abgesehen von einigen Rötel-und Tuschezeichnungen ist ihre bevorzugte Technik das Aquarell.

Ihre Liebe zur Bildenden Kunst, zur Literatur und natürlich zur Natur bestimmt den Inhalt und die Empfindungen ihrer Blätter.  Aus ihrer poetischen Sicht heraus, die mehr eine empfindsame Stimmung als die topografische Genauigkeit eines bestimmten Ortes oder eines Kopfes wiederzugeben anstrebte, entstanden durch das Farbenspiel der Aquarelltechnik stille, versunkene Arbeiten. Ihre geschauten Bilder und Empfindungen werden in neu gedachten Bildwirklichkeiten gedanklich vertieft und reflektiert. Eine Synthese aus Überliefertem, Selbsterfahrenem und Gefühltem kommt zum Ausdruck.

Im schwebenden Schimmer der Farbe liegen ihre Landschaften, aber auch die Figuren in einem eigentümlichen Dämmer, Dunst oder Nebel, in dem sich sehr viel Menschliches bewegt. In Gegenständlichem löst sie die Konturen manchmal bis zum völligen Verwischen auf.

Die Arbeiten werden  bestimmt durch einen Hell-Dunkel-Kontrast und eine Vorliebe für umschreibende Linien, die die Künstlerin in Bündelungen körpermodellierend übereinander legt. Diese rhythmischen Linienbündel sind für mich ein Nicht-Festlegen auf eine einzige Kontur. Es entspricht einem Suchen – oder einem Solange –als-möglich-Offenhalten. In ihrer verhaltenen, unaufdringlichen Art erweisen sich diese Darstellungen als Abbild eigener Befindlichkeit und spiegeln ihre innere Bewegtheit wieder.

In Christiane Schützes Aquarellen, die zugleich Seelenlandschaften der Künstlerin aufzeigen entdecke ich, dass es auch um die Auseinandersetzung mit dem Alltag geht, um Lebensbewältigung. Und ich entdecke darin vor allem die Sehnsucht nach Ruhe, des Abgeschiedenseins, des Insichgehens als Kontrast zum Alltag, der von ihr Funktionalität verlangt.

Und man kann oft in ihren Arbeiten erkennen, welche Rolle sie selbst spielt.  Ob sie Zuschauer, Schauspieler, Autor oder der Regisseur ist.  Wichtig ist wohl aber, daß sie alle Optionen  durchspielt. Nicht gleichzeitig, aber nacheinander. Sie darf keine Stufe auslassen, alle Darstellungen sind wichtig. Manchmal gibt es Umwege dabei, Einbahnstraßen, Sackgassen. Mal geht es bergauf, mal bergab. Wir spielen und leben, mal ein dramatisches, ein trauriges, ein lustiges, ein verhaltenes, ein bedeutendes oder ein offenes Lebensstück. Das absolute Ziel ist aber, die Regie in unserem Leben zu führen, das, wo wir hinstreben  im Auge zu behalten mit viel Platz zum Selberdenken und Handeln. 

Voller Sinnlichkeit und Vielschichtigkeit sind Christiane Schützes Arbeiten. Aus ihnen strahlen menschliche Wärme und leuchtet Liebe zur Natur. In ihren Blättern bemerke ich Zärtlichkeit; sie sind stimmig mit ihr, mit ihrem Leben, und offenbaren ihr gezeichnetes ICH.

Deshalb haben wir uns mit ihren Figuren und Portraits zu beschäftigen. Auffallend ist die oft extrem statische Art ihrer Figuren. Sehr sparsam die Zeichnungen in ihrer Strichführung, auf das Wesentliche beschränkt. Ebenso wie ihre Lyrik. In den letzten Jahren wendet sich die Künstlerin verstärkt der Figur und hier speziell dem Porträt zu. Köpfe in Grün und in Blau. Eine Nase, ein Mund, zwei Augen. Verlorenes Profil. Ein Oval in einem Viereck – es spannungsvoll in die Blattfläche setzen. Von ihnen soll die Rede sein.  Hier kann man sehen, ablesen und deuten. Es gibt Blätter mit vielen Zuständen. Und sie verwendet hier die Farbe als Linie. Was ist es?  Schutz, Behausung, Begrenzung, Abgrenzung, aber auch die eigene Eingrenzung oder  Einengung? Diese Bloßlegung innerer Strukturen gleicht einem „Unter-die-Haut-gehen“ und ist ein anonymer Ausdruck für einen Seelenzustand. Die Schatten grenzen Licht- und Dunkelzonen voneinander ab und unterstreichen zugleich die Anatomie der Köpfe. In fortschreitender Reduktion und Abstraktion  entsteht fast ein Skelett. Eine Kunst, die zum subjektiven Erleben verstanden werden muss. „Köpfe“ sind zu Symbolen geworden – vielleicht des „Alleinseins“. Keine der Arbeiten ist eine Wiederholung. Jede ein Unikat was die Bildkomposition anbetrifft, also keine Konfektion.

Christiane Schütze hat die ihr gemäße Bildsprache gefunden, sie hat eine selbstgemäße Ausdrucksform erprobt und so einen eigenständigen  Stil für sich herausgebildet. Es entstehen Spannungen, die Aufmerksamkeit erregen, sensible eigenartige Kompositionen mit farblichen Kontrasten. Das Auge hat eine Vielfalt, Fülle und Dichte von Formen zu bewältigen. Begebenheiten und Zustände sind in ihre Arbeiten hinein gewebt.

Wer selbst malt oder zeichnet, weiß, welche Neugier da vorherrscht, bevor solch ein Blatt entsteht. Der ausgelieferte Blick des Modells, das zum Gegenüber wird, zum Zuschauer. Verwirrt vom übergroßen Angebot der Natur zeichnet man zu viel, viel zu viel. Die Einbuchtung eines Ohrläppchens wird so wichtig wie Darmbein, Kniescheibe, Wadenmuskel, Rippen. Irgendwann beginnt das Papier einen abzuweisen. Es wölbt sich wie ein Schild gegen den Zeichner. Es erträgt kaum noch unsere Irrtümer. Die rabiaten Spuren des Radiergummis, das chaotische Vermischen der Materialien Bleistift, Kohle, Kreide, Farbstift, die panischen Ordnungsversuche, Details zu einem ganzen zusammen zu schließen. Nach Tagen, Wochen oder Monaten zeichnet man weiter. Ohne Modell. Der Versuch einer Klärung beginnt: Brauchbares bleibt bestehen, gestreckte Gliedmaßen werden angewinkelt, Schattenpartien aufgehellt, Nasen verkürzt, Haare verändert. Und um ein kompositorisches Dreieck das aus Oberarm, Brustkorb und Schenkel einer Sitzenden besteht, deutlich zu machen, muss manchmal auch ein Organ amputiert, d. h. wegradiert werden. In solchen Fällen empfindet man sich als Chirurg und während des Umgestaltens wird der Mensch, der uns als Modell begegnete, zum Gegenstand, wird reduziert auf den Wert einer verstaubten Flasche. Doch man muß das Gesetz der Zeichnung erfüllen. Vielleicht ist zeichnen ja auch nur eine Flucht? Ein Abgeschiedensein. Man will das „Draußen“ vergessen, will dem Papier etwas anvertrauen: Sehnsucht vielleicht, oder Hoffnung, aber auch  Angst. Das Papier bleibt still. Es nimmt unsere Mitteilungen entgegen. Es kann uns eine Stunde lang Schutz sein.

Christiane Schützes Porträts sind erdachte Köpfe, abstrahierte Figuren, sind konstruiert. Niemand hat dafür Modell gestanden. Hier möchte sie ihr Innerstes nach außen kehren, dass was in ihr ist an die Oberfläche bringen. Sie will rüberbringen, was ihr wichtig erscheint. Es ist ihre Auseinandersetzung mit dem Alltag, ihre Lebensbewältigung. Joachim Matthes formulierte zu den Arbeiten von Christiane Schütze in einem Artikel anlässlich ihrer Ausstellung im Jahre 2000 im Kultusministerium: „es ist ein Malen auf der Schwelle, nicht drinnen und nicht draußen, an der Tür stehend“. Ich würde es „Die Sinnlichkeit der Sehnsucht“ nennen.

Christiane Schütze vertraute immer ihrem sicheren Gefühl für den eigenen Weg. Ihr ist klar, dass handwerkliches Können und selbstkritische Arbeitsweise die eine Seite der Ausbildung waren. Individualität und Persönlichkeitsbildung  waren aber die andere Voraussetzung zur Bewältigung eines künstlerischen  Anliegens. Auch ihre früheren Arbeiten haben nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt. Eine intensive Bearbeitung lässt zahlreiche Farbschichten über- und ineinander fließen. Es entstehen klare, lichtfarbene- oder aber auch erdfarbene Aquarelle – jedoch immer von großer Harmonie. Das äußere Bild eines Gegenstandes tritt zurück. Ihr geht es darum tiefere Schichten freizulegen. Die Sujets sind Porträts, Landschaften und Architektur im weitesten Sinne.

Die Arbeiten werden von frei schwingenden, fein variierten Linienführungen getragen, die von der Spannung der Rhythmen und vom Hell-Dunkel-Kontrast leben. Sie sind zeichen- und bildhaft zugleich und sie sind bemüht Empfindsamkeit und Einfühlungsvermögen in die differenzierten Dinge der visuellen Welt beim Betrachter zu entwickeln. Die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, Emotionalem und Rationalem hält sie im Gleichgewicht des Schwebezustandes. Ein Spannungsfeld von Vorläufigem und Endgültigem gewinnt einen bildnerischen Ausdruck in ihren Aquarellen und Zeichnungen. Der konkrete Inhalt, egal ob Mensch oder Landschaft, ist einer Verinnerlichung gewichen, die Gesehenes und Empfundenes in einer Einheit von innerer und äußerer Stimmung aufgehen lässt.

Es entstehen Spannungen, die Aufmerksamkeit erregen, sensible eigenartige Kompositionen mit farblichen Kontrasten. Das Auge hat eine Vielfalt, Fülle und Dichte von Formen zu bewältigen. Begebenheiten und Zustände sind in ihre Arbeiten hinein gewebt. Dabei zeigt sie verschiedene Jahres- und Tageszeiten, gibt harmonische und brüchige Räume wieder. Natur und  Menschenwerk, Phantastik und Präzision, Ferne und Nähe, Licht und Schatten, Tod und Wachstum begegnen einander. Es entstehen Harmonien mit weiten Bildräumen und feinsinnig differenzierten Tonwerten.

Christiane Schütze weiß um die Relativität aller Dinge und sie fragt dabei immer nach dem Sinn des eigenen Tuns. Kritisches Bewusstsein, empfindsame Wahrnehmung und Zurückhaltung gehen wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Unabhängigkeit und Freiheit benötigt sie für ihre selbst gestellten Aufgaben. Ihre Devise ist: man kann so oder auch anders arbeiten und leben, in jedem Fall ist aber ein gutes Gewissen vonnöten. Deshalb steht für sie auch nicht der Erfolg an erster Stelle, sondern die von ihr gelebte innere Haltung.

Was der Betrachter sieht, muss ein Text zur Ausstellungseröffnung eigentlich nicht mehr beschreiben. Aber Kunst entzieht sich eh jeder Erklärung und verlangt wohl mehr einen verweilenden, konzentrierten Blick. Und dann kommt das Gespräch hinzu. Nicht nur zu den Bildern, auch zu den Antrieben, zu den Erlebnissen, den Träumen, zum Einfangen der Stimmung, zu den Ideen, zur Form des Ausdrucks und zur Lust am diskutieren und philosophieren. Kunst beinhaltet auch immer Selbstbefragung. Es ist eine Methode der Wechselwirkung zwischen dem inneren Selbst und der äußeren Welt verständlich zu werden.

Eine Ausstellung ist immer ein Anlass der Begegnung des Künstlers mit dem Betrachter, dem Besucher. Der Betrachter ist mitten im Geschehen zwischen dem Künstler und sich selbst. Und so ist es möglich, dass man sich vielleicht im Betrachten der Bilder selbst begegnet. Unsere Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden bleibt wohl notwendig in der Spannung zwischen Verstehen und Nichtverstehen befangen. Vielleicht öffnen sich aber gerade dort, wo das Verstehen endet und die Irritation beginnt, subjektive Freiräume des Fabulierens, des Interpretierens, des Gestaltens. Vielleicht entdeckt man sein Ich und sein Du! Ohne den Betrachter, seinen wachen Blick, seine Fragen und  Antworten ist die Kunst stumm. Also, beleben wir zusammen mit der Künstlerin den Dialog über die Arbeiten von Christiane Schütze!