Im Rückblick

Rilke nannte sie „verehrte Insel-Herrin“

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege (r.) im Gespräch mit Sabine Knopf zum Vortragsabend im Literaturhaus.

Die Autorin Sabine Knopf war am 10. Februar aus Leipzig nach Magdeburg gekommen, um im Literaturhaus auf Einladung des Vereins der Magdeburger Pirckheimer über das Leben und Schaffen von Katharina Kippenberg (1876-1947) zu erzählen. Der Vortrag lebte nicht nur vom Wort. Angereichert mit vielen Bildern führte er auch in die legendäre Ära Kippenberg der „Insel" von 1905-1950, in der das Profil des heute noch bestehenden Verlages nachhaltig geprägt wurde. Virtuell erlebten die Gäste des Abends ebenso die Schauplätze des Wirkens der beiden: das alte Verlagsgebäude im Graphischen Viertel Leipzigs und das Wohnhaus mit dem berühmten Turmzimmer, in dem Rilke seinen „Malte Laurids Brigge" diktiert hatte. Der anmutige Sommersitz in Weimar neben Goethes Gartenhaus und schließlich die letzte Zuflucht im hessischen Marburg gesellten sich hinzu.

Der persönliche Anteil der Kippenbergs am Verlagsgeschehen wurde durch die Abgrenzung der Arbeitsgebiete sichtbar gemacht. Für Anton sind dies vor allem die Buchkunst, die Goethe-Editionen, die Insel-Bücherei und das Geschäftliche, für Katharina die moderne deutsche und ausländische Literatur sowie der Kontakt zu den Autoren.

Cover des Buchs Der Vortrag basiert auf dem Buch „Katharina Kippenberg Herrin der Insel", das Sabine Knopf im Sax-Verlag herausgebracht hat. Wie Sabine Knopf selbst sagt, war ihr Anliegen dabei nicht nur die Würdigung der Lebensleistung Katharinas. Dass ihr das gelungen ist, zeigte der Abend im Literaturhaus, als Sabine Knopf auch an die Zeit erinnert, als die „Insel" als bedeutender deutscher Literaturverlag noch das Gesicht der einstigen Buchstadt Leipzig wesentlich mit prägte.

Freundlicherweise stellte Sabine Knopf den Magdeburger Pirckheimern die folgende Zusammenfassung ihres Vortrages zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung.
Dafür vielen Dank.

Katharina Kippenberg leitete mit ihrem Ehemann Anton Kippenberg den Leipziger Insel-Verlag in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht wenige Zeitgenossen rühmten Katharina Kippenbergs menschliche und geistige Größe, ihr Urteilsvermögen und ihr feines Verständnis für die jeweilige künstlerische Individualität ihrer Dichter. Als die „verehrte Insel-Herrin" wurde sie zuerst im Mai 1910 von Rainer Maria Rilke bezeichnet. Dieser und andere Beinamen sagten sehr viel über ihren Einfluß auf die Annahme oder Ablehnung von dichterischen Werken aus. Die Verlegerin gilt heute als bedeutende Entdeckerin und Förderin moderner Literatur des In- und Auslandes. Eine solche Stellung war für eine Frau zu Katharinas Zeiten ganz ungewöhnlich.
Sie betrachtete ihre Position als einen Erfolg der Frauenbewegung, von deren Bestrebungen sie sich nie ferngehalten hatte. Sie unterstützte beispielsweise 1914 das auf der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) in Leipzig eingerichtete „Haus der Frau" mit einer Ausstellung „Buchillustration von Frauen" und leistete damit echte Pionierarbeit. Mit vielen damals berühmten Autoren unterhielt die Insel-Herrin freundschaftliche Kontakte, etwa mit Rilke, Hofmannsthal, Stefan Zweig, Hans Carossa, Ricarda Huch. Besondere Zuwendung erfuhren Rilke, Johannes R. Becher, Hans Carossa und Theodor Däubler, denen ein ungestörtes Arbeiten durch regelmäßige monatliche Zahlungen ermöglicht wurde und die in schwierigen Lebenssituationen vor allem von ihr auf Rat und weitere Hilfen hoffen durften.
Im Ersten Weltkrieg leitete Katharina während der Abwesenheit ihres Mannes den Verlag allein. In dieser Zeit nahm sie expressionistische und linksbürgerliche Autoren ins Programm, von denen ihr etwas konservativer eingestellter Ehemann sich später wieder trennte.
Für den deutschen Buchmarkt entdeckte die Verlegerin in den zwanziger Jahren unter anderem David H. Lawrence, Virginia Woolf, Aldous Huxley, aber auch Paul Valery und Jean Giraudoux. Sie zog zahlreiche skandinavische Autoren in den Verlag. Am Werden der „Insel" als eines Verlages von Weltbedeutung hatte sie entscheidenden Anteil. Sie war auch selbst Autorin sowie Herausgeberin von Gedichtbänden, Verlagsfestschriften und verfaßte Bücher über Rilkes Leben und Werk.
Im Dritten Reich versuchten die Kippenbergs so lange wie möglich, ihre jüdischen und politisch mißliebig gewordenen Autoren zu behalten, waren aber selbst zunehmendem Druck und drohender Verfolgung ausgesetzt. Nicht wenige ihrer Freunde, wie der noch 1945 hingerichtete Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, befanden sich im Widerstand oder im Exil. Das „Inselschiff setzte die Hakenkreuzflagge nicht", schrieb Ernst Beutler, der Direktor des Frankfurter Goethe-Museums, nach 1945.
Auch J. R. Becher erklärte die Kippenbergs zu den „anständigen Deutschen". Er war bemüht, sich gegenüber seinen einstigen Verlegern dankbar zu erweisen, indem er Ihnen zu einer Lizenz und einem neuen Gebäude als Ersatz für den zerstörten Leipziger Verlagssitz verhalf. Becher rühmte in seinen Erinnerungen nicht nur das in Schutt und Asche gesunkene Verlagshaus. Er erinnerte auch an die Villa der Kippenbergs, die bis zu ihrer Zerstörung ein wichtiges kulturelles Begegnungszentrum der Stadt Leipzig war und die damals größte private Goethe-Sammlung in Deutschland beherbergte. Der Charakter des Hauses war wesentlich von Katharina Kippenberg geprägt worden. Sie organisierte die zahlreichen Lesungen, Feste und Hauskonzerte sowie die glanzvollen Geburtstagsfeiern ihres Mannes. Sie war es, die wesentlich zum Mythos Anton Kippenberg beigetragen hat.
Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten Wohnhaus und Verlag, Bücher und Manuskripte. Das obdachlos gewordene Verlegerpaar folgte der von den amerikanischen Soldaten in den „Collecting Point" nach Marburg abtransportierten Goethe-Sammlung (heute im Goethe-Museum Düsseldorf). Von dort versuchten die beiden unter großen Schwierigkeiten, eine neue Verlagsfiliale in Wiesbaden aufzubauen. In Leipzig wurde das Stammhaus des Verlages nun von einem Prokuristen geleitet. Die Entbehrungen der Kriegsjahre ließen Katharina schwer erkranken. Dennoch arbeitete sie noch auf dem Krankenbett an Manuskripten für den Verlag. Sie starb 1947, ihr Mann folgte ihr 1950.
Mit dem Weiterbestehen des Insel-Verlages und der verschiedenen Sammlungen zu Goethe und Rilke wurde nach 1945 das Wesentliche aus dem Lebenswerk von Anton und Katharina Kippenberg gerettet.

Helmut Heinrich überreicht das Buch Die Welt des Druckens an Sabine Knopf.