Patrica F. Blume unterhielt die Gäste im Literaturhaus mit Fakten und Geschichten rund um die Leipziger Buchmesse. | © R. Wege

Das Thema „Buchmessen in der DDR“ lockte am 15. November knapp 30 Gäste ins Literaturhaus Magdeburg. Mit Patricia F. Blume war eine Kennerin des Themas aus der Buchstadt Leipzig vom Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde eingeladen worden. Patrica F. Blume ist in der Abteilung Buchwissenschaft als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig tätig. Das Thema „Buchmessen in der DDR“ hat sie sich für ihre Promotion ausgesucht, die sie zurzeit erarbeitet. Bedenken der Gäste, dass aus diesem Grund der Vortrag sehr wissenschaftslastig und mit „Fachsprache“ schwer verdaulich sein wird, waren schnell zerstreut.

 Einzug ins Hansahaus

Patrica F. Blume gab einen anschaulichen allgemeinen Überblick über die Buchmesse in Leipzig zwischen 1945 und die ersten 1990er Jahren. Mit der ersten „Friedensmesse“ nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte die Stadt im Mai 1946 an die Tradition als Messestandort an. Zu dieser Zeit gab es noch zwei Messen im Jahr, im Frühling und im Herbst. Dabei habe es sich um Universalmessen gehandelt, auf denen verschiedene Branchen ausstellten und die Verlags- und Buchbranche nur eine war – die Buchmesse. Die Entwicklung der Buchmesse war abhängig von den örtlichen Möglichkeiten. Erst 1949 gab es für die Branche ein eigenes Messehaus in der Leipziger Innenstadt, das Hansahaus. 1963 zog man ins Messehaus am Markt. Der Standort blieb bis in die Wendezeit.

An markanten Beispielen zeigte Patricia F. Blume, wie stark abhängig die Entwicklung der Messe von der politischen Lage in Deutschland, in Europa aber auch weltweit war. Als Stichwörter seien hier genannt die Nachkriegszeit mit den Besatzungszonen, die Gründung von DDR und BRD, der Mauerbau, die internationale diplomatische Anerkennung der DDR. Die Buchmesse habe aber auch als „Bindeglied im verschärften Kalten Krieg“ funktioniert, so Blume.

Martin Walser auf der Leipziger Buchmesse

Im Vortrag kam auch der vergleichende Blick auf die Buchmesse in Frankfurt/Main nicht zu kurz. Um die Leipziger Buchmesse stärker zu profilieren wurden die Lesungen ins Leben gerufen. Und das mit so großem Erfolg und nicht nur, weil auch Autoren aus dem Westen zu sehen und zu hören waren, wie beispielsweise 1981 Martin Walser. Um bei seiner Lesung dabei zu sein hätten die Leute sogar versucht, durch die Toilettenfester in den Raum zu kommen, gab Patricia F. Blume Zeitzeugen wieder. Heute ist aus diesen Lesungen, damals rund 20 pro Messe, das Lesefest „Leipzig liest“ geworden, wo in diesem Jahr 3.400 Veranstaltungen durchgeführt wurden.

"Gefährliche Schriften"

Neben vielen Fakten zur Entwicklung der Leipziger Buchmesse, die man sicher auch im Internet recherchieren kann, lebte der Vortrag vor allem von dem Wissen, dass sich Patricia F. Blume in Archiven und Gesprächen mit Zeitzeugen erworben hat. Beispielsweise wie umfangreich und intensiv die Messe der Zensur unterlag. Alles, was die West-Verlage ausstellen wollten, wurde zuvor von einer Gutachter-Kommission penibel unter die Lupe genommen. Dabei sei es auch zu einer kuriosen Entscheidungen gekommen, die ein bezeichnendes Licht auf die Unkenntnis mancher Zensoren wirft. So habe ein junger Genosse die beim westdeutschen Hanser-Verlag in Lizenz vom Dietz-Verlag erschienen Bücher als „gefährliche Schriften“ eingestuft. Es handelte sich kurioserweise um marxistisch-leninistische Literatur. Sie wurde aber leider in einem Westverlag publiziert. Diese Entscheidung sei allerdings noch rechtzeitig korrigiert worden.

Messemantel und Bücherdiebe

Wie stark der Drang nach West-Büchern gewesen sein muss, zeigte Patricia F. Blume anhand einer Episode aus dem Wirken der Gutachter-Kommission. Beim abschließenden Rundgang vor der Messe-Eröffnung hatte wohl ein Mitglied der Kommission Band I und II des Erotik-Lexikons mitgehen lassen, das im Rohwolt-Verlag erschienen ist. Um dem Messeklau des „normalen“ Publikums vorzubeugen, habe eine relativ strenge  Reglementierung des Besucherstromes mittels Absperr-Kordeln und Tisch-Barrieren zwischen Publikum und Buchregalen geherrscht. Die Gegenseite hat sich auch Einiges einfallen lassen. Beispielsweise gab es den „Messemantel“ mit diversen Innentaschen, um die Werke „verschwinden“ zu lassen. Dass dies durchaus riskant war zeigte Patricia F. Blume anhand der Statistik, wonach beispielsweise am 15. März 1981 genau 31 Bücherdiebe ertappt worden.

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege (l.) bedankte sich bei Patricia F. Blume mit dem Druck »Zwiegespräch zwischen Leben und Tod«. | © R. Wege

Nach der Wende brach dann ein neues Kapitel in der Geschichte der Leipziger Buchmesse an. 1991 wurde sie zur eigenständigen Fachmesse. Das ist aber eine andere Geschichte und vielleicht das nächste Thema eines Vortrages von Patricia F. Blume bei den Magdeburger Bibliophilen. Für diesen Vortrag bedankten sich die Gäste mit Applaus und Vereinsvorsitzende Sigrid Wege mit dem Druck »Zwiegespräch zwischen Leben und Tod«.

Else und Paul Müller-Kaempff – 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop war das Thema des Lese- und Vortragsabends, zu dem die Magdeburger Bibliophilen ins Literaturhaus eingeladen hatten. Die Hoffnung, mit diesem Vortrag auf breites Interesse zu stoßen hatte sich sichtbar erfüllt. Mit knapp 50 Besuchern war die Lesebühne im Literaturhaus an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen. Es mussten sogar noch Stühle extra gestellt werden, um allen Gästen einen Sitzplatz bieten zu können. Und der Applaus nach gut einer Stunde zeigte nicht nur dass das Thema interessant war, sondern auch, dass die Protagonisten im Podium das Thema lebendig werden ließen. Die Protagonisten waren Dr. Konrad Mahlfeld, Autor des vorgestellten Buches „Else Müller Kaempff, Paul Müller-Kempff, Werkkatalog Band I“, seine „rechte Hand“ Andrea Silber sowie Verleger Hans-G. Pawelcik aus Worpswede.

Dr. Konrad Mahlfeld (v.l.), Han-G. Pawelcik und Andrea Silber im Literaturhaus Magdeburg. | © R. Wege

Reise an die Ostseeküste nach Ahrenshoop

In lockerer Gesprächsatmosphäre näherte sich die Dreierrunde dem Thema behutsam und nahm dabei die Gäste mit auf eine kleine Geschichts- und Kulturreise an die Ostseeküste und weit darüber hinaus. Genau genommen hörten die Gäste zwei Geschichten. Eine über Paul Müller Kaempff (1861-1941), seine Frau Else (1869-1940) sowie die Künstlerkolonie Ahrenshoop. Dazu eine Geschichte über das zunächst eher zufällige, aber stetig und immer stärker wachsende Interesse eines hauptberuflich erfolgreichen Orthopäden an dem kunst- und kulturgeschichtlichen Thema Kaempff und Ahrenshoop.

Künstlerkolonien als europäische „Szenerie“

Zur Einstimmung erinnerte Verleger Hans-G. Pawelcik  daran, dass Künstlerkolonien im ausgehenden 19. Jahrhundert keine auf Ahrenshoop begrenzte Erscheinung war, sondern  ein europäisches „Szenerie“, wie man an Worpswede mit Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn oder an Murnau mit Gabriele Münter sehen kann. Die Gäste des Abend lernten manche Zusammenhänge kennen, die sich nicht auf den ersten Blick ergeben. Beispielsweise wie wichtig die Entwicklungdes Eisenbahnnetzes für die Entwicklung der Künstlerkolonien war, oder dass der Landschaftsmaler Gustav Schönleber (1851 - 1917) mit seiner Forderung an seine Malschüler „Ihr müsst an die Küste, nicht in die Berge“, sozusagen richtungsweisend für die Künstler war, die sich aufmachten .... Darunter auch Paul Müller Kaempff, der sich 1889 nachweislich das erste Mal in Ahrenshoop aufhielt. Ihn habe man als Künstler schon gekannt und anerkannt, so Pawelcik. „Seine Bilder kannte man, aber man habe geglaubt, dass es nur wenig Schriftliches von ihm gibt. Bis Konrad Mahlfeld kam.“

Paul Müller-Kaempf als Stuhl-Designer

Und das war zunächst unabhängig von dem Maler Paul Müller-Kaempff. Besonders nach der Wende habe er den Darß kennengelernt, dort seinen Urlaub verbracht und begonnen, sich mit der regionalen Geschichte zum beschäftigen“, erinnerte sich Konrad Mahlfeld. Damit komme man automatisch auch zu Paul Müller Kaempff. Er habe gewusst, dass der Maler eine große Bedeutung für Ahrenshoop hatte und hat. Aber es gab kein Werkverzeichnis, ein Teil des  Nachlass ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt, große Teile seiner Werke in Privathand und rund um den Erdball verstreut. Die Diskrepanz zwischen der Bedeutung von Paul Müller-Kaempff und dem Wissen um seine Person sei für ihn der Anreiz gewesen, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Mahlfeld: „ Mich hat eigentlich mehr der Mensch als der Künstler interessiert.“ Er sei ja nicht nur Landschaftsmaler und vielleicht sogar ein noch besserer Zeichner gewesen, sondern auch Buchillustrator, hat Reklame-Arbeiten angefertigt und sogar Stühle entworfen. Dass diese ihre Funktion erfüllen und auch noch optisch ein Genuss sind, davon konnten sich die Gäste des Abends selbst überzeugen. Denn drei von Paul Müller-Kaempff entworfene Stühle hat Konrad Mahlfeld auf einem Dachboden entdeckt, erworben, restaurieren lassen und zur Lesung als Sitzgelegenheit mit ins Literaturhaus gebracht.

Ölgemälde, Zeichnungen und Exlibris

Neben den Stühlen hatte Konrad Mahlfeld auch Ölgemälde, Zeichnungen und Exlibris von Paul und Else Müller-Kaempff dabei. Mit dem Werkkatalog wird zudem erstmals eine Publikation über Else Müller-Kaempff vorgelegt. Im Laufe der Jahre hat Konrad Mahlfeld  eine eigene Sammlung mit rund 500 Arbeiten des Künstlerpaares zusammengetragen, darunter 30 Gemälde, 350 Zeichnungen, Skizzenbücher ...

Zu den Exponaten, die Dr. Konrad Mahlfeld mitgebracht hatte, gehört auch dieses Buch mit einem Exlibris für Else Müller-Kaempff. | © R. Weg

Handschriftliche Briefe und Dokumente transkribiert

Dass es ihm gelungen ist, die Menschen Paul und Else Müller-Kaempff aus der Anonymität zu holen, ist in seinem Werkkatalog sicht- und spürbar. Dieser umfasst nicht nur 234 Abbildungen von Arbeiten des Künstlerpaares, für die Konrad Mahlfeld zusammen mit dem Kunstfotografen Hans-Wulf Kunze bis nach Bulgarien, Österreich oder in die Schweiz  gereist ist, sondern auch Fotografien und Briefe und Dokumente, die von Else und Paul Müller Kaempff erhalten sind.

Dr. Konrad hatte drei Stühle mitgebracht, die Paul Müller-Kaempff entworfen hat. | © R. Wege 

Wenn ein solches Mammut-Projekt wie der erste Band des Werkkatalogs gelingt, dann hat das viel mit familiärer Unterstützung zu tun. So haben die Eltern von Konrad Mahlfeld drei Jahre lang in „mühevoller Arbeit“ die handschriftlichen Briefe der Künstler transkribiert, so dass sie heute mühelos gelesen werden können. Das wurde an diesem Abend auch gleich praktiziert, zunächst durch die Akteure, die aus den Briefen vorlasen, dann später nach dem Vortrag, als die Gäste des Abend sich die Exponate ansehen und im Werkkatalog blättern und darin in den Briefen stöbern konnten. Für einige Besucher war das Anreiz, ein Exemplar des Katalogs mit nach Hause zu nehmen und die Lektüre dort fortzusetzen.

 Nicht nur sie dürfen sich auf die Folgebände freuen, in deren Mittelpunkt der zeichnerische und malerische Nachlass von Paul Müller-Kaempff stehen wird.

 Nach wie vor ist der Autor interessiert an Informatinen über das Leben und das Werk von Paul und Else Müller-Kaempf und bittet um Hinweise an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 Etliche Gäste nutzten die Gelegenheit, einen Blick in den Werkkatalog zu werfen. | © R. Wege gerne erfüllte der Autor die Wünche nach einem signierten Exemplar des Werkkatalogs. | © R. Wege

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege bedankte sich für den gelungenen Abend bei den Akteuren. | © R. Wege Ein Dankewschön von der Vereins-Schatzmeisterin Loreen Fröhnert an Dr. Konrad Mahlfeld. | © R. Wege

  

Konrad Mahlfeld
Else Müller-Kaempff/Paul Müller-Kaempff
Werkkatalog/Band I

248 S., Schutzumschlag, 234 Abb., Format 23 x 30 cm
ISBN 978-3-96045-107-5
2017 by Verlag Atelier im Bauernhaus c/o edition.fischerhuder kunstbuch

Inhalt:
Der erste Teil beinhaltet die Biografie, ein umfangreich bebildertes Werkverzeichnis, Briefe und Dokumente sowie Weiteres von und über Else Müller-Kaempff. 
Der zweite Teil umfasst die vorliegenden schriftlichen Zeugnisse von und über Paul Müller-Kaempff. Das Buch gibt wichtige Ergänzungen und Korrekturen zu den Lebensstationen von Else und Paul Müller-Kaempff.