Gerhard Schuboth war nicht nur ein anerkannter Künstler. Er war auch ein leidenschaftlicher Kunstvermittler. Davon konnten sich am 18. April die knapp 50 Gäste der Vernissage im Literaturhaus Magdeburg überzeugen. Zum einen sind in der Ausstellung grafische Arbeiten und Malerei von Gerhard Schuboth zu sehen, die ihn als vielseitigen Maler und Grafiker ausweisen. Zum anderen war unter den Gästen mit Dieter Leukert ein ehemaliger Schüler von Gerhard Schuboth extra aus Berlin angereist, um bei der Eröffnung der Ausstellung mit dabei zu sein.

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege begrüßte die Gäste im Literaturhaus Magdeburg | © R. Wege

Gerhard Schuboth wurde 1921 in Zerbst geboren. Er studierte unter anderem an der Kunstgewerbeschule Leipzig und am Institut für künstlerische Werkgestaltung Halle - Burg Giebichenstein bei Prof. Erwin Hahs, arbeitete seit 1952 als freischaffender Maler und war nebenberuflich als Lehrer tätig und von 1965 bis 1977 Initiator und Mitorganisator der Kunstausstellungen zu den Zerbster Kulturtagen. Gerhard Schuboth starb 1983 in Zerbst.

Zur Einstimmung in die Ausstellung blickte Wilfried Kiel, Vorstandsmitglied des Vereins,  gemeinsam mit den drei Töchtern von Gerhard Schuboth (Martha Irene Leps, Susanne Schuboth und Elke Rossmann) in die 1950er Jahre zurück. Die Zeitumstände zu kennen, in denen viele der Werke von Gerhard Schuboth entstanden sind, sei wichtig, so Kiel.

Wilfried Kiel mit Martha Irene Leps (v.l.), ?? Schuboth und ??

Dass die künstlerische Ader des Vaters auf die Töchter abgefärbt hat, ist offensichtlich. Alle drei sind heute in künstlerischen Berufen unterwegs. Susanne Schuboth studierte an der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Berlin und ist heute als Bühnenbildnerin tätig. Elke Rossmann arbeitet als Architektin. Martha Irene Leps führt unter anderem die Kulturvermittlerrolle ihres Vaters fort. Sie engagiert sich bei den Kulturtagen in Zerbst, vermittelt Kunst in ihren Druckkursen für Kinder und Erwachsene (Holzschnitt, Kaltnadelradierung, Linolschnitt). Sie ist vielleicht am tiefsten in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und seit vielen Jahren als Künstlerin aktiv. Erst vor zwei Jahren war sie mit einer umfangreichen Einzelausstellung im Literaturhaus Magdeburg mit ihren eigenen Werken (grafische Arbeiten, Druckstöcke und Handpressendrucke) vertreten. Alle drei Töchter schilderten zur Eröffnung, wie stark Kunst und Kultur auch den Familienalltag geprägt haben. Martha Irene Leps: »Mein Vater hatte oft Studienkollegen und befreundete Künstler beispielsweise aus Dresden oder Magdeburg nach Zerbst eingeladen, um hier auszustellen. Wir haben miterlebt, wie hart er geschuftet hat, dass schöne Ausstellungen gezeigt werden konnten.« Dass Künstler wie Eberhard und Wolfgang Roßdeutscher, Lea Grundig oder Werner Rataiczyk im Hause Schuboth zu Gast waren, daran könne sie sich noch gut erinnen. Irene Leps: »Diese Begegnungen waren für uns erhebend und abenteuerlich.«

Gäste der Ausstellungseröffnung. | © R. Wege

»Es gab den Maler und es gab den Umtriebigen«, charakterisierte Susanne Schuboth ihren Vater. Zur umtriebigen Seite gehört ohne Zweifel sein Engagement für die Zerbster Kulturtage, deren Begründer Gerhard Schuboth war und die bis heute zu den kulturellen Höhepunkten in der Stadt und der Region gehören. Und es gab den umtriebigen Lehrer. Davon erzählte zur Ausstellungseröffnung Dieter Leukert: »Als mein Zeichenlehrer hat er mich für die Arbeitsgemeinschaft Kunst geworben.« Unter seiner Leitung sind uns Malerei, Grafik und plastische Arbeiten begegnet. Dort haben wir viele künstlerische Techniken kennengelernt - uns mit Kohle oder Tusche ausprobiert, Aquarelle gemalt. Ganz besonders sei ihm in Erinnerung, dass er mit Gerhard Schuboth zusammen einen Kindergarten in Zerbst mit Malereien gestaltet hat. Leider sei der Kindergarten inzwischen abgerissen. Am Ende seiner Schulzeit hatte Leukert eine Mappe mit künstlerischen Arbeiten zusammen, mit der er sich 1961 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee beworben hatte. Mit Erfolg. Er studierte Architektur, arbeitete später als Architekt und Denkmalpfleger.

Dieter Leukert vor der Eröffnung im Gespräch mit (v.l.) Andrea Lange (Sonnenberg-Presse.Kemberg), Martha-Irene Leps und Elke Rossmann.

Blick in die Ausstellung | © R. Wege

Die Tuschezeichnung »Harlekin« | © R. Wege

In der Ausstellung | © R. Wege

 

»Heute ist erstmals etwas von Conrad Felixmüller in Magdeburg zu sehen. Jetzt wird das lang Versäumte endlich nachgeholt«, konstatierte Hans-Jürgen Wilke in seinen Einführungsworten am Mittwochabend (21. März) im Magdeburger Literaturhaus. Dort brachte er den gut 20 Zuhörern den Künstler Conrad Felixmüller näher. Und das »lang Versäumte« waren Werke von Felixmüller, die Hans-Jürgen Wilke aus Berlin mitgebracht hatte: Holzschnitte, Bücher, Kataloge etc.

Mit Hans-Jürgen Wilke war nicht nur ein profunder Kenner des Werkes und der Biografie von Felixmüller von den Magdeburger Bibliophilen eingeladen worden, sondern auch ein Zeitzeuge. Hans-Jürgen Wilke war der letzte Drucker von Felixmüller. Einige Jahre hat er mit dem Künstler zusammengearbeitet, bis zu dessen plötzlichem Tod am 24. März 1977 in Berlin-Zehlendorf. Daher kamen die Gäste nicht in den Genuss biografischer Details, sondern auch einiger Anekdoten, die Hans-Jürgen Wilke von Felixmüller entweder gehört, oder die aus dem direkten Erleben entsprungen sind. So begegneten die Zuhörer in den Anekdoten Sammlern wie Hanns-Conon von der Gabelentz, dem Schriftsteller Friedrich Wolf, Künstlern wie Lovis Corith, Peter August Böckstiegel, Max Liebermann oder Otto Dix, zu dem Felixmüller ein besonderes Verhältnis hatte. Es sei nicht so bekannt, so Wilke, dass Felixmüller Otto Dix das Radieren beigebracht hat.

Mann hält Grafik hoch
Hans-Jürgen Wilke mit einem Holzschnitt von Conrad Felixmüller.

»Die Zusammenarbeit mit Felixmüller war ein Höhepunkt in meinem Berufsleben«, so Wilke. Felixmüller habe immer großen Wert auf einen »mageren Druck« gelegt. Denn die Maserung des Holzes (Druckstock bei Holzschnitten) sollte noch zu erkennen sein. Immer wieder sei bei Felixmüller auch der »sparsame Sachse« durchgekommen. So habe Felixmüller einmal gesehen, wie er Farbreste entsorgt habe, so Wilke. Prompt folgte der Rüffel. Mit diesem Farbrest würde er noch jede Menge Probedrucke anfertigen, habe Felixmüller ihn zurechtgewiesen. Überhaupt sei eine einfache Lebensweise im Hause Felixmüller als Normalität gepflegt worden.

Felixmüller sei einerseits ein produktiver Maler gewesen, der  1621 Gemälde geschaffen hat. Er habe auch alle grafischen Techniken beherrscht, unterstrich Wilke. Dominant war dabei der Holzschnitt. Ein Grund dafür sei sicher der Umstand gewesen, dass Felixmüller keine Druckpresse hatte. Und beim Holzschnitt benötige man für einen Probedruck keine Presse. »Den Probedruck konnte Felixmüller mit der Hand abreiben.« 718 grafische Arbeiten gibt es von Felixmüller, so Wilke. Und die Zahl sei sicher höher wenn man bedenkt, dass zwischen 1933 und 1945 lediglich fünf Holzschnitte entstanden sind.

Für Hans-Jürgen Wilke hatte eine Grafik, mit der Felixmüller seinen Umzug nach Berlin angezeigt hatte, den Stein des Sammelns ins Rollen gebracht. Wilke: »Diese Umzugs-Grafik war für mich der Beginn, Werke von Felixmüller zu sammeln und Anstoß, mich mit dem Künstler Felixmüller zu beschäftigen.«

Um es an diesem Abend nicht nur bei der Theorie zu belassen, hatte Hans-Jürgen Wilke eine kleine Auswahl seiner Sammlung mitgebracht. Darunter ”Ein Leben lang die Kunst“, ein Holzschnitt auf Bütten (12 x 17,5 cm) von 1962.  Oder einen Neujahrsgruß von 1964 mit einer Besonderheit: Diesen Holzschnitt konnten die Gäste in der »Normalvariante“ und in einer Farb-Variante sehen und dazu auch noch den Druckstock.

Ein Neujahrsgruß von 1964 in zwei Varianten inklusive Druckstock.

Hans-Jürgen Wilke hatte einige Exponate seiner Sammlung mitgebracht.

Mit welcher Leidenschaft Hans-Jürgen Wilke der Person Felixmüller und dessen Werk verbunden ist, zeigt er als Herausgeber des Buches  "Werner Rübe - Benns Garten". Dieses Werk hat er 40 Jahre nach der Erstauflage aus Anlass des 130. Geburtstages und des 60. Todesjahres von Gottfried Benn als Neuauflage herausgegeben. Illustriert ist es mit elf Holzschnitten, gedruckt von den Original-Stöcken, die Conrad Felixmüller geschnitten hat. Da die Vorzugsausgabe vergriffen ist, hatte Hans-Jürgen Wilke »nur« einige Exemplare der Normalausgabe mitgebracht. Das Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und durchzublättern, wurde dadurch trotzdem nicht geschmälert.

Werner Rübe: »Benns Garten« mit Holzschnitten von Conrad Felixmüller

Für ihn unverständlich, dass Felixmüller bisher noch nicht mit einer Ausstellung in Magdeburg vertreten gewesen ist, obwohl doch durch seine Freundschaft mit Katharina und Annemarie Heise in Schönebeck die regionale Beziehung bestanden habe, griff Hans-Jürgen Wilke seine Anfangsgedanken gegen Ende seines Vortrages wieder auf. Nun ist ja mit seiner Felixmüller-Premiere im Literaturhaus etwas Abhilfe geschaffen worden. Und um die Auseinandersetzung mit Felixmüller weiter zu befördern, lud Hans-Jürgen Wilke die Vereinsmitglieder ein, mal eine Jahresexkursion nach Berlin zu unternehmen und ihn zu besuchen. Schließlich habe er nur rund drei Prozent seiner Felixmüller-Sammlung an diesem Abend mit nach Magdeburg bringen können. Folglich gibt es noch sehr viel mehr zu sehen und zu bestaunen.

Gern nahm Vereinsvorsitzende Sigrid Wege die Einladung an. Und auch das Kopfnicken vieler Gäste lässt dieser Idee durchaus die Chance, in die Tat umgesetzt zu werden. Als Dankeschön überreichte Sigrid Wege den Faksimile-Druck „Gothan” an hans-Jürgen Wilke. Und sofort war dieser wieder ganz der Drucker. Er nahm den »Gothan« etwas genauer in Augenschein. Zum Glück für die Magdeburger Bücherfreunde fand der Druck seine anerkennende Zustimmung.

Nach dem Vortrag war Zeit zum Stöbern.

Gezeigt wird ein Beispiel für unterschiedliche Farbwiedergabe je nach Druck.

Vereinsvorsitzende Sigrid Wege bedankt sich bei Hans-Jürgen Wilke mit einem Vereins-Druck.